Vielleicht muss als Erstes noch einmal gesagt werden, worum es geht, wenn es um Missbrauch geht. Pete Saunders steht vor der Engelsburg in Rom und sagt in die Kameras: Es habe da einst diesen Jungen gegeben, der vom Priester ins Schlafzimmer geholt wurde und dann, nackt im Raum stehend, die Arme ausbreiten musste. "Wie Jesus Christus", sagt Saunders und macht es vor, die Pose des Gekreuzigten, während das römische Dämmerlicht ihn dramatisch beleuchtet.

Aber das hier ist kein Theater, sondern die wahre Geschichte des Briten Pete Saunders, der zu den Gründern von ECA gehört, der Betroffeneninitiative End Clergy Abuse. Sie wollen die strukturellen Ursachen des Missbrauchs in der Kirche bekämpfen und "null Toleranz" gegenüber Priestertätern und Vertuschern erwirken. ECA ist in 17 Ländern auf fünf Kontinenten aktiv, zwei Dutzend Mitglieder stehen jetzt hinter Saunders, sie halten Porträts von sich als Kindern hoch – wie zum Beleg, dass das damals wirklich sie waren.

"Wir haben das Kreuz hinter uns", sagt Saunders, aber so, dass es nicht pathetisch klingt, nur wie ein schlichtes Faktum, zu dem das drei Meter hohe Holzkreuz passt, dass die ECA-Leute mitgebracht haben. Es symbolisiert auch, dass sie keine Kirchenfeinde sind. Außerdem brauchen sie es, um sich darum zu versammeln, draußen auf der Straße, während drinnen in der Synodenaula des Vatikans, nur fünfhundert Meter entfernt, der Papst mit den Chefs der nationalen Bischofskonferenzen tagt.

Es ist der erste Abend dieser Weltkonferenz, und die Opfer stehen in Sichtweite der erleuchteten Petersdomkuppel. Sie zeigen: Es gibt nicht nur die Weltkirche, es gibt auch die Weltgemeinde der "survivors", der Überlebenden, wie sie sich selbst nennen. Einige haben weißes Haar, andere sind jung, kaum zwanzig Jahre alt. Ihr Missbrauch ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart. Und sie stehen hier zugleich für ihre Länder. Leider durften sie nicht mitbestimmen, welche survivors eingeladen wurden, um vor den Bischöfen zu sprechen. Auch deshalb sind sie in Rom, treten in der Woche des Bischofsgipfels immer wieder auf: Pete Saunders für Großbritannien, Matthias Katsch für Deutschland, Tim Law und Peter Isley und George Mead für die Vereinigten Staaten, Evelyn Korkmaz und Bernadette Howell für Kanada, Denise Buchanan für Jamaica, Darryl Smith für Neuseeland, Miguel Hurtado für Spanien, Marek Lisinski für Polen, Francesco Zanardi und Alessandro Battaglia für Italien ... etwa vierzig Leute. Tim Law, der Anwalt ist, hat selber 150.000 Euro gegeben für ihre Reisen.

Am Ende wird der Papst sagen, Missbrauch durch Kleriker sei, "wenn eine gottgeweihte Person zum Werkzeug Satans" werde. Und er wird betonen, dass es Missbrauch überall gebe, nicht nur in der Kirche, erst recht in Familien. – Ein Hohn für alle jene Betroffenen, die die Besonderheit innerkirchlichen Missbrauchs erlebt haben und nun glasklar berichten: die Heuchelei, die priesterliche Anmaßung, die manipulative Rede von Gott, der heillose Gebrauch heiliger Rituale, die Perversion frommer Gesten. Auch im Vatikan, in den Beratungen der Bischöfe kam die ureigene Schuld der Kirche zur Sprache. Aber nirgends so direkt und herzzerreißend wie vor der Engelsburg.

Einer der jüngsten Betroffenen, Alessandro Battaglia, weint mehr, als er spricht, aber jeder versteht.

Eine ältere Dame, Bernadette Howell, beschreibt, wie schier unangreifbar ein Pfarrer zu ihrer Zeit gewesen sei, der Gott der Gemeinde.

Die forsche Denise Buchanan fragt, warum die Kirche ewig brauche, um einzusehen, dass die Vergewaltigung eines Kindes verbrecherisch ist.

Und der schärfste Kirchenkritiker aus den Reihen von ECA, Peter Isely, rührt alle Journalisten mit seiner Lakonie zu Tränen. Kurz und bündig erzählt er, wie ein Priester von ihm, dem damals Neunjährigen, verlangte, ihn oral zu befriedigen. "Ich sagte: Nein!" Wie der Junge zur Strafe auf eiskalten Steintreppen knien musste, stundenlang. Wie er wieder Nein sagte und nun zusätzlich auf einem Holzscheit kniete. Wie er, kniend, schwere Bücher aufgeladen bekam. "Ich muss Ihnen nicht sagen, was danach geschah." Denn ein malträtiertes Kind sage nicht ewig Nein. Entscheidend sei aber: "Alles, was Sie heute hören, handelt vom Kreuz. Auch 2000 Jahre nach der Kreuzigung noch. Immer, wenn ein Opfer spricht, hören Sie die Stimme von Jesus Christus."