Zu übersehen war es nicht, schließlich war es eine "Weltsensation aus Deutschland", was die Bild vergangene Woche verkündete: "Bluttest erkennt Brustkrebs!" Leider stimmt von der Überschrift nur die Hälfte: Das Verfahren stammt tatsächlich aus Deutschland. Das mit der Weltsensation dagegen ist so eine Sache.

Der neue Bluttest, entwickelt an der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik von Christof Sohn und seinen Mitarbeitern, soll Veränderungen im Blut erkennen; die würden durch das beginnende Tumorwachstum in der Brust ausgelöst, sagt Sohns Kollegin Sarah Schott. Beurteilt werden die Messwerte von einem lernenden Algorithmus. Schon im kommenden Jahr soll der Test zur Verfügung stehen, vermarktet von der HeiScreen GmbH, einer Ausgründung des Klinikums.

Auf einer Pressekonferenz am Rande einer Tagung in Düsseldorf erklärte der Gynäkologe Sohn, der Test erkenne Brustkrebs ähnlich zuverlässig wie die Mammografie, die Röntgenuntersuchung der Brust, könne ihn früher detektieren und komme ohne Strahlenbelastung aus. Damit sind wir bei den Ungereimtheiten angelangt.

Erstens kann niemand die Angaben der Heidelberger Forscher überprüfen: Bislang haben sie keinen Fachartikel veröffentlicht, in dem ihre Ergebnisse detailliert dargelegt werden. Zweitens deutet das wenige, was man weiß, darauf hin, dass der Test noch nicht reif ist für eine breite Vermarktung im kommenden Jahr. Unter 500 an Brustkrebs erkrankten Frauen soll das Verfahren 75 Prozent korrekt identifiziert haben. Es übersieht also jede vierte Krebskranke – eine viel zu große Fehlermarge. Unter jüngeren Frauen sei die Trefferquote höher gewesen, sagen die Heidelberger, bei unter 50-jährigen Patientinnen habe der HeiScreen-Test bei 86 Prozent angeschlagen.

Auch bei erkrankten Frauen, die aufgrund von Gen-Mutationen ein hohes Risiko für Brustkrebs besitzen, seien die Ergebnisse ähnlich gut. Aber immer noch nicht gut genug: Im Alltagseinsatz muss ein vertretbarer Test mindestens 95 Prozent Trefferquote aufweisen.

Natürlich wäre ein Brustkrebstest hochwillkommen, vor allem für jüngere Frauen. Denn bei ihnen ist ein Screening durch eine Mammografie nicht möglich – ihr Brustgewebe ist so dicht, dass ein Tumor im Röntgenbild nur schwer erkannt werden kann. Und gerade Frauen mit einer starken genetischen Veranlagung erkranken häufig weit vor dem 50. Lebensjahr.

Ein einsatzfähiger Test müsste aber nicht nur die tatsächlich erkrankten Frauen mit hoher Sicherheit identifizieren, sondern auch die gesunden richtig einstufen. Bei ihrer Überprüfung hatte das Team nicht nur 500 bereits diagnostizierte Frauen in verschiedenen Stadien der Krebserkrankung mit dem HeiScreen-Test untersucht, sondern auch eine Kontrollgruppe ohne Brustkrebs. Unter denen soll der Test einige Male falschen Alarm geschlagen haben.

Diese "Falsch-positiv-Rate" ist bei der Früherkennung von Brustkrebs durch Reihenuntersuchungen eine wichtige Größe. Denn unter den untersuchten Frauen sind die meisten gesund, nur einige wenige sind erkrankt – und die gilt es zu entdecken. Um die Gesunden nicht unnötig zu verunsichern, sollte jeder Früherkennungs-Test mindestens 99,5 Prozent von ihnen zuverlässig als solche identifizieren. So lautet die Vorgabe des führenden US-Krebsforschers Bert Vogelstein. Selbst ein Test mit dieser Leistung würde immer noch fünf von tausend gesunden Frauen für krank erklären und sie unnötigen Untersuchungen, Behandlungen und womöglich Operationen aussetzen – und damit einem manchmal nicht unerheblichen Risiko.

Ob der jetzt gefeierte HeiScreen-Test diese Vorgaben jemals erfüllen kann, ist fraglich. Die Heidelberger Mediziner schränken ihre Aussagen auch selbst ein: Ihr Verfahren sei als ein ergänzendes Angebot zur bestehenden Früherkennung gedacht. So droht womöglich ein Gezänk wie um den PSA-Test für Prostatakrebs, über dessen Nutzen oder Schaden sich die Fachleute seit Jahrzehnten streiten. Und den die Patienten selbst bezahlen müssen.