Auf dem Hof von Heinz Siegenthaler in Rüti, im Grenzland zwischen den Kantonen Bern und Solothurn, schwirren Arbeiter umher. Sie fräsen und bohren, hämmern und schrauben. Das 400 Jahre alte Bauernhaus wird renoviert, die Böden werden herausgerissen, neue Querbalken reingezogen, nur die Fassade bleibt bestehen, so will es der Denkmalschutz.

Der Hausherr, Landwirt, Panzeroffizier und Nationalrat der BDP, hält wenig von Denkmalschutz. Nicht nur, wenn es um sein Eigenheim geht. Auch das Verbot von Cannabis ist für Siegenthaler einer dieser überholten Glaubenssätze, die aus einem falschen Traditionsbewusstsein aufrechterhalten werden.

Hanfbauern, Präventionsfachleute und Jungpolitiker wollen eine neue Volksinitiative lancieren, die das Kiffen legalisieren will. Und nächstens wird der Bundesrat seine Botschaft zur Schaffung eines "Experimentierartikels" verabschieden. Damit wären zeitlich befristete Cannabis-Projekte möglich. Auch Heinz Siegenthaler möchte seinen Teil dazu beitragen – als Politiker und als Bauer.

Der 63-Jährige begrüßt mit festem Händedruck, seine Hand ist schwielig, die Stimme rau und tief. Er bittet ins Büro, entschuldigt sich für die Minustemperaturen, die Bauarbeiter haben die Heizungsrohre herausgerissen. Er steckt die Arme in die Taschen seines Daunen-Gilets und erzählt, wie er vom Cannabis-Gegner zum Schweizer Hanf-Papi wurde.

"Kiffer galten hier im Seeland in meiner Jugend als verjääste Typen", die Hanfzigarette sei das Eintrittsticket in eine Halbwelt, bevölkert von Dealern, Fixern und leichten Mädchen gewesen. Hanf gehörte in Seile oder Schläuche, nicht in Zigarettenpapiere und Lungen. So dachte auch Siegenthaler.

Bis ihm eines Tages, Anfang der 1990er-Jahre, ein Kollege, Landwirt wie er, von den lukrativen Möglichkeiten des Hanfanbaus erzählte. Die Milchwirtschaft befand sich im Niedergang, die Kartoffelernte war mühsam, die Erträge mäßig. Cannabis hingegen, so erzählte ihm sein Kollege, sei eine äußerst pflegeleichte Pflanze und verspreche einen fünfmal höheren Ertrag als die Kartoffel. Dank einer Gesetzeslücke war der Anbau von THC-haltigem Cannabis erlaubt, solange daraus keine Drogen produziert wurden.

Die Schweizer Drogenpolitik konzentrierte sich in jener Zeit auf den harten Stoff. Die Bilder des Heroin-Elends auf dem Platzspitz und dem Letten in Zürich dominierten die Schlagzeilen.

Im Frühling 1995 fährt Siegenthaler erstmals mit der Zuckerrübenmaschine über seinen Acker und sät zehn Are THC-Hanf aus. Im Herbst liefert er die erste Ernte an einen Fribourger Bauern, verpackt in Bananenschachteln zum Preis von 90 Franken das Kilo. Was aus dem Cannabis wurde, das wisse er nicht, sagt Siegenthaler heute. Er vermute, dass das Gras in den legendären Duftkissen landete, die es in jedem Headshop gab, jenen Läden, die alles rund ums Kiffen anbieten durften – außer den Drogen selbst.