Eine der wenigen Gewissheiten in diesem Fall ist, dass Daniel H. tot ist. Der gelernte Tischler, geboren in Chemnitz, gestorben in Chemnitz, wurde nur 35 Jahre alt. In der Nacht zum 26. August 2018 trafen ihn vier Messerstiche in den Brustkorb und einer in den linken Oberarm, er verstarb infolge eines hämorrhagisch-traumatischen Schocks, rasch kam sein Herz-Kreislauf zum Stillstand.

Eine weitere Gewissheit ist, dass Chemnitz nach dieser Tat im Chaos versank. Dass tagelang Tausende Menschen wutentbrannt durch die Stadt zogen, manche Demonstranten Ausländer angriffen und ein jüdisches Restaurant demolierten. Chemnitz wurde zu einer Chiffre, je nach Sichtweise für die Gewalt von Flüchtlingen oder die Gewalt von Rechtsradikalen. Es folgte ein heftiger Streit um den Begriff "Hetzjagd", Angela Merkels Regierungssprecher geriet unter Druck, und der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, wurde in den einstweiligen Ruhestand versetzt. In Chemnitz verdichteten sich all jene Probleme, die Deutschland seit der Migrationskrise 2015 bewegen.

Am 18. März beginnt nun der Prozess um den Tod von Daniel H., und man kann schon jetzt sagen, dass er mit Erwartungen überladen sein wird. In diesem Prozess wird es nicht nur um Recht und Gerechtigkeit gehen. Im besten Fall heilt dieses Verfahren die Wunden von Chemnitz. Im schlechtesten Fall vertieft es die gesellschaftliche Spaltung weiter.

Die ZEIT konnte Teile der Ermittlungsakte und die Anklageschrift einsehen, die dem syrischen Asylbewerber Alaa S. "gemeinschaftlich begangenen Totschlag in Tatmehrheit mit gemeinschaftlich versuchtem Totschlag sowie gefährlicher Körperverletzung" vorwirft. Aus der Anklage ergeben sich jedoch mehr Fragen als Antworten. Wenig passt zusammen, Zeugen widersprechen sich, die Staatsanwaltschaft kann die Tatnacht nicht konsistent schildern. Sie präsentiert zwar einen Verdächtigen, aber ist er auch wirklich der Täter?

Zu der Auseinandersetzung, in deren Folge Daniel H. stirbt und bei der zwei weitere Männer schwer verletzt werden, kommt es um kurz nach drei Uhr in der Nacht zum 26. August. Die Stadt Chemnitz begeht in diesen Tagen ihr 875-jähriges Jubiläum mit einem großen Stadtfest. Die Staatsanwaltschaft legt schnell nach dem Tod von Daniel H. erste Ergebnisse vor, das zuständige Amtsgericht erlässt am 27. August zwei Haftbefehle – gegen den syrischen Staatsangehörigen Alaa S., 23 Jahre alt, und den Iraker Yousif A., damals 22. Die beiden waren nur 20 Minuten nach der Tat rund 600 Meter vom Tatort von einer Polizeistreife aufgegriffen worden, nachdem sie vor den Beamten weggerannt waren. Und wer rennt, der ist schuldig. Oder?

Die Haftbefehle, die der ZEIT vorliegen, sowie die Anklageschrift legen den Eindruck nahe, dass es den Behörden hier nicht nur um den Rechtsfrieden, sondern vielmehr um den tatsächlichen Frieden auf den Straßen von Chemnitz ging.

Die Hürden, einen Menschen in Untersuchungshaft zu nehmen, sind in Deutschland aus guten Gründen hoch. Neben einem dringenden Tatverdacht bedarf es einer Flucht- oder Verdunkelungsgefahr. Die Fluchtgefahr könnte man noch annehmen bei einem, der ohnehin auf der Flucht ist und wenig zu verlieren hat, der hier ohne Familie lebt, ohne festen Job. Aber woraus speist sich hier der dringende Tatverdacht? Laut Haftbefehl aus dem "Ergebnis der bisherigen Ermittlungen", gemeint sind die Ermittlungen in den Stunden nach der Tat. Die aber sind mehr als dürftig: Da ist erstens ein sogenannter Sachstandsbericht, der lediglich die Festnahme der beiden Beschuldigten schildert. Da ist zweitens ein Aktenvermerk zum Einsatz eines Fährtenhundes, der die Tatwaffe hinter dem Absperrzaun der Haupttribüne des Stadtfests gefunden hatte – auf dem Messer aber konnten die Ermittler weder Spuren von Alaa S. noch von Yousif A. nachweisen.

Dazu kommen drittens die Zeugenaussagen weiterer Geschädigter, die auf den Lichtbildvorlagen aber keinen der beiden Verdächtigen erkennen können. Schließlich sind es viertens "insbesondere d. Angaben d. Mitbeschuldigten", wie es im Haftbefehl heißt, die den dringenden Tatverdacht aus Sicht des Haftrichters begründen. Diese Angaben – oder auch nur inhaltliche Bruchstücke davon – werden aber gar nicht aufgeführt. Mal abgesehen davon, dass beide bei der richterlichen Anhörung nicht anwaltlich vertreten waren, haben sie jedwede Tatbeteiligung stets abgestritten. Und sich auch nicht gegenseitig bezichtigt. Kurzum: Diese Angaben gab es schlicht nicht. Und der dringende Tatverdacht bleibt nebulös.