Die Krawalle: Nach der Tat zogen Demonstranten teilweise wutentbrannt durch die Stadt. Es gab Angriffe gegen Ausländer, in deren Folge sich eine Debatte darüber entspann, ob man diese als Hetzjagd bezeichnen konnte. © Jan Woitas/dpa

Und dann sind da offenkundige handwerkliche Schlampereien: Der Haftbefehl gegen Alaa S. wird mit den "Angaben d. Mitbeschuldigten Alaa S." begründet. Hat sich der Angeklagte, der alles abstreitet, also selber belastet? Oder hat der Haftrichter einfach den Beschluss gegen den zweiten Beschuldigten Yousif A. kopiert und sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Namen auszutauschen?

Yousif A. wird aufgrund einer Haftbeschwerde drei Wochen später entlassen, da laut Staatsanwaltschaft plötzlich "kein dringender Tatverdacht" mehr besteht. Alaa S. hingegen sitzt noch immer in Untersuchungshaft, gegen ihn liegt inzwischen eine belastende Aussage vor. Das Landgericht Chemnitz hat die Anklage gegen ihn in der vergangenen Woche zugelassen. Der Prozess wird jedoch nicht in Chemnitz stattfinden, sondern im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Dresden.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft spielen in dieser Nacht vor allem vier Personen eine entscheidende Rolle: das spätere Opfer Daniel H., die Verdächtigen Yousif A. und Alaa S. sowie der inzwischen ebenfalls als hauptverdächtig geltende irakische Asylbewerber Farhad A., der bis heute trotz internationalen Haftbefehls nicht gefasst werden konnte. Aus Justizkreisen ist zu erfahren, dass er sich in die Türkei, womöglich sogar in den Irak abgesetzt hat.

Die Ermittler haben die Nacht der Tat wie folgt rekonstruiert: Farhad A. ist mit Yousif A. unterwegs und sorgt nach Zeugenaussagen schon kurz nach Mitternacht für Ärger in einer Shisha-Bar, wo er einen anderen Gast mit einem Messer bedroht. Zwei Stunden später wird Farhad A. auch in einem Schnellrestaurant auffällig, als er zwei Deutsche als "Nazis" beschimpft. Mit Bier in der Hand laufen die beiden in Richtung der Dönerbude Alanya 1.

Dorthin zieht es auch Alaa S., der gegen 2.30 Uhr seine Wohnung im Chemnitzer Stadtteil Kaßberg verlässt, weil er Hunger hat. S. ist seit April 2015 in Deutschland und arbeitet zwei Stunden pro Tag in einem Friseursalon, früher war er einmal für rund sechs Monate im Alanya 1 beschäftigt.

Auch das spätere Opfer Daniel H. hat sich nach einem Pokerabend bei einem Freund zu dem Imbiss aufgemacht. Auf dem Weg trifft er auf eine Gruppe von Bekannten. H. kauft noch eine Schachtel Zigaretten im Alanya 1. Ohne professionelle Tatortvermessung, die es den Ermittlern mithilfe hochspezialisierter Technik erlauben würde, digital alle Details des Schauplatzes auszuwerten, ist es schwierig, genaue Entfernungen zu bestimmen, dennoch geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass Daniel H. etwa 50 Meter entfernt vom Eingang zufällig auf Farhad A. trifft. Laut einer Zeugenaussage habe dieser Daniel H. dann nach einer "Karte" gefragt, sich dabei mit dem Finger an die Nase gefasst und die Luft heftig durch das Nasenloch eingezogen. Offenbar will er Kokain einnehmen. Farhad A. umarmt Daniel H. und zieht ihn zur Seite. H., in dessen Blut die Sachverständigen später 1,36 Promille Alkohol sowie einen akuten, "nicht übermäßig hohen" Konsum von Kokain nachweisen werden, sagt dem Iraker laut Anklageschrift, er solle sich verpissen. Dann eskaliert die Situation.

Farhad A. verpasst Daniel H. demnach eine Ohrfeige, dieser stößt den Flüchtling zu Boden, die Umstehenden fangen an zu schreien. Alaa S. ist inzwischen in der Dönerbude angekommen. Von dort hört er den Tumult und rennt nach draußen, sieht den ihm bekannten Farhad A. auf dem Boden liegen. Dieser zeigt auf H. Dann "traten beide in Angriffshaltung auf H. zu". So sieht es jedenfalls die Staatsanwaltschaft.

Daniel H. habe Alaa S. noch einen Faustschlag verpasst, bevor dieser den Geschädigten mit seiner linken Hand am Nacken umfasst und ihm mit einem mitgeführten Messer mehrfach in den Oberkörperbereich gestochen habe. Farhad A., "der ebenfalls ein Messer bei sich führte", habe rechts hinter Daniel H. gestanden und ebenso mehrfach auf ihn eingestochen.