Die Krise: Der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, wurde nach umstrittenen Äußerungen im Zusammenhang mit den Demonstrationen entlassen. © Axel Schmidt/Reuters

Man muss sich die Situation, so wie die Staatsanwaltschaft sie schildert, vor Augen führen: Daniel H. steht zwischen zwei Männern da, unbewaffnet. Vor ihm Alaa S., der mehrfach auf ihn einsticht. Hinter ihm Farhad A., der ebenfalls mehrfach auf ihn einsticht. Also muss es zwei Tatwaffen gegeben haben. Allein: Die Ermittler werden zwar im Laufe der Zeit fast 20 Messer in Tatortnähe finden, aber nur ein einziges, an dem das Blut des Opfers klebt. Die Rechtsmediziner werden fünf Stichwunden protokollieren – aber allesamt im vorderen Teil des Oberkörpers von Daniel H. Und sie werden feststellen, dass all diese Verletzungen höchstwahrscheinlich von einer Tatwaffe stammen, einem silberfarbenen Klappmesser der Marke Magnum, mit grobzackigem Sägeschliff und einer spitz zulaufenden, drei Zentimeter breiten und acht Zentimeter langen Klinge. Ein zweites Tatwerkzeug ist praktisch ausgeschlossen.

Der Staatsanwaltschaft, die aber genau dies weiter vorn in ihrer Anklageschrift ja annimmt, scheint das später auch aufzufallen. Womöglich holt sie deshalb in der rechtlichen Würdigung zu folgender bemerkenswerter Erklärung aus: Die beiden Verdächtigen Alaa S. und Farhad A. hätten sich zum gemeinschaftlichen, von einem "gemeinsamen Tatplan" getragenen Übergriff entschlossen und damit eines gemeinschaftlichen Totschlags schuldig gemacht – "unter Benutzung der gleichen Tatwaffe". Aber wie sollen zwei Menschen gleichzeitig von vorne und von hinten mit demselben Messer auf denselben Menschen einstechen?

Es ist nicht die einzige Ungereimtheit in dieser Anklageschrift. Denn eigentlich haben die Strafverfolger – zumindest gegen Alaa S. – wenig in der Hand. Es gibt keine DNA-Spuren, die S. überführen würden. Keine Fingerabdrücke. Keine Fasern. Keine Haare. Keine Videoaufnahmen. Nicht einen einzigen Sachbeweis. Nur eine ganze Reihe widersprüchlicher Zeugenaussagen.

Mehr als hundert Zeugen haben die Ermittler befragt, die Anklage stützt sich im Kern auf die Angaben eines einzigen Mannes, der im Dunkel der Nacht aus rund 50 Meter Entfernung durch das Verkaufsfenster des Döner-Imbisses Alanya 1 – und im Gegenlicht der Laternen – die Tat beobachtet haben will. Er habe den beiden polizeilichen Vernehmungen zufolge sowohl bei Alaa S. als auch bei Farhad A. von unten schwingende Stichbewegungen gesehen. Ein Messer allerdings habe er nicht erkennen können. Jedoch seien die beiden anschließend mit blutverschmierten Händen an ihm vorbeigerannt. Allerdings hat der Zeuge später bei der Vernehmung durch den Ermittlungsrichter bestritten, dass er diese Stichbewegungen gesehen hat. Er habe lediglich eine Schlägerei beobachtet.

Als weiterer Zeuge der Anklage wird ein Mann aufgeführt, der Alaa S. vom Tatort hat flüchten sehen. Dieser hat S. zweifelsfrei als "meinen Frisör" identifiziert. Er sei an ihm vorbeigerannt und habe ihn kurz an der Schulter angefasst. Die Ankläger scheinen ihm zu glauben. Allein: Dieser Zeuge hatte keinerlei Blutspuren an seiner Kleidung. Wie aber soll das möglich sein, wenn der angebliche Täter doch mit blutverschmierten Händen vom Tatort geflohen ist? Und ist es überhaupt vorstellbar, dass ein Mensch mehrfach auf einen anderen einsticht, 20 Minuten später festgenommen wird und nicht die kleinste Spur einer gewaltsamen Auseinandersetzung an seinem Körper oder seiner Kleidung aufweist?

Neun Prozesstage sind anberaumt, um diese und alle anderen offenen Fragen zu klären. Angesichts der bisher bekannten Beweislage ein ambitioniertes Unterfangen. Nach derzeitigem Plan soll am 27. Mai ein Urteil gesprochen werden.