Einen Tag vor der Weihnachtsfeier läuft Jerry Chen durch die Flure der Scholz Recycling GmbH in Essingen, auf der Schwäbischen Alb, da stoppt ihn ein Kollege. "Jerry, du bist doch dabei morgen, oder?", ruft er ihm auf Englisch zu. Chen nickt, zögert, dann sagt er: "Glu-wein", und meint Glühwein. Es klingt so verstolpert, dass beide lachen müssen. Für Chen geht es weiter nach draußen, kurze Zigarettenpause. Ein Baggerfahrer, der vorbeifährt, winkt ihm zu, Chen nickt zurück. Der danebenstehende Kollege wird später erzählen, wie er Chen beim Aufbau der Schränke in dessen neuer Wohnung geholfen hat. Es gibt, das kann man so sagen, unbeliebtere Vorgesetzte als den Chinesen Jerry Chen.

Chen ist nicht nur ein gern gegrüßter Kollege und die rechte Hand seiner Chefs von der Chiho Environmental Group aus Hongkong, die Scholz vor zwei Jahren hoch verschuldet übernommen hat. Er ist auch eine der wenigen gut sichtbaren Projektionsflächen für Chinas Aktivitäten in Deutschland. Chinesische Unternehmer gelten als zurückhaltend. Chen sagte einem Gespräch zu. Und so erhält man einen Einblick in das, was passiert, wenn chinesische Investoren deutsche Firmen übernehmen.

Ungewöhnlich ist das jedenfalls nicht mehr. 54 deutsche Firmen wurden von chinesischen Investoren im Jahr 2017 gekauft. Bei Unternehmen wie Scholz, das noch vor zwei Jahren 600 Millionen Euro Schulden hatte und kurz vor der Pleite stand, schürte das mitunter Hoffnungen auf neue Stabilität. Für einen symbolischen Euro kauften die Chinesen damals den Recycler. Heute hat die Firma mit 3.500 Mitarbeitern wieder eine Eigenkapitalquote von 30 Prozent.

Die Übernahme durch einen chinesischen Investor macht einigen Angst

Aber Ängste schürte es eben auch, dass Investoren aus China so viele Unternehmen kauften. Davor etwa, dass die neuen Eigentümer das deutsche Know-how abziehen und an die heimische Regierung weiterleiten. Sigmar Gabriel bemühte sich 2016 als Wirtschaftsminister darum, den Roboterhersteller Kuka bloß nicht in die Hände chinesischer Investoren geraten zu lassen, und scheiterte. Hans-Georg Maaßen, damals noch oberster Verfassungsschützer, beschrieb die Strategie von China als "Ausweiden und Ausschlachten".

In den vergangenen Monaten scheint es, als dürften sich die Schwarzmaler bestätigt fühlen: Der deutsche Vorstandschef vom mittlerweile chinesischen Kuka ist zurückgetreten. Man befürchtet, die Chinesen wollen, anders als versprochen, den deutschen Chefs das Tagesgeschäft aus der Hand nehmen. Und dann gibt es noch den Fall des chinesischen Telekommunikationskonzerns Huawei: Das Unternehmen könnte beim Ausbau des deutschen Mobilfunknetzes helfen, aber es wird ihm vorgeworfen, mit seiner Technik für China zu spionieren.

"Aus den Medien habe ich diese Diskussion nur am Rande mitbekommen. Ich arbeite in der Recyclingbranche, deshalb bin ich nicht der Richtige, das einzuschätzen", sagt Jerry Chen dazu. Aber auch bei Scholz raunte man sich auf den Gängen einiges zu, als die Übernahme bekannt wurde. Bald würde man in Essingen mit chinesischen Renminbi zahlen, hieß es. Oder dass alle demnächst Chinesisch sprechen müssten. Es waren Witze, klar, aber mit einem Körnchen wahrer Sorge darin.

Für die Europäer wurde Yang zu Jerry

Jerry Chen ist ein freundlicher Mann mit einem eigenen Sinn für Humor. Fragt man ihn über sein Leben aus, lächelt der 36-Jährige und fragt zurück: "Ist das ein Verhör?" Aber dann erzählt er doch geduldig von seinem Weg aus China in die deutsche Provinz: In Chongqing, einer 30-Millionen-Stadt im Landesinneren, wuchs er in einer Arbeiterfamilie auf. Dort studierte er Betriebswirtschaft, um dann für einen zweijährigen Master – Schwerpunkt Personalführung – in das niederländische Groningen zu ziehen. Europa habe ihn gereizt. Danach ging er zurück nach China. Erst arbeitete er als Beamter für die Regierung, dann bei einem Zementhersteller.

Sein Freund Henry Qin, Aufsichtsratschef der Chiho Environmental Group, fragte ihn schließlich vor gut zwei Jahren, ob er als sein Referent nach Deutschland kommen wolle. Mit der Wiederverwertung von Metall hatte Chen bis dahin nichts zu tun. Heute sagt er: "Du lernst etwas zu lieben, wenn du damit anfängst, es zu tun."

Jerry Chen heißt mit richtigem Vornamen eigentlich Yang. Doch weil Europäer das schwer aussprechen können, ließ er sich schon während des Studiums in Groningen einfach Jerry nennen, das ist einfacher. Im chinesischen Führungsteam von Scholz ist er derjenige, der das ganze Jahr vor Ort ist und das Unternehmen, das mehr als eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr macht, leitet. Er kommt morgens gegen halb neun ins Büro, beantwortet Nachrichten, gern benutzt er Emojis. Feierabend macht er meist erst, wenn die anderen schon zu Hause sind. Er fährt dann in sein kleines Apartment in Aalen, gleich hinter Essingen. Seine Frau wohnt in China. Beruf und Heimat wollte sie nicht aufgeben. Alle paar Monate besucht Chen sie und den gemeinsamen Sohn; zweimal täglich sprechen sie über Weibo, das chinesische Skype. "Ich vermisse sie", sagt er. "In Aalen habe ich nur wenige soziale Kontakte außerhalb des Büros."