Massaker in Tenochtitlan: Der Krieg der Spanier gegen die Azteken endete mit der Zerstörung ihrer Hauptstadt. © Action Press

Frage: Herr Professor Rinke, Sie haben ein Buch über die Azteken, Hernán Cortés und die Eroberung Mexikos geschrieben. Warum muss man sich nach 500 Jahren noch dafür interessieren?

Stefan Rinke: Die Eroberung Mexikos ist das wichtigste Ereignis der Conquista, der Unterwerfung, Kolonisierung und Christianisierung Mittel- und Südamerikas durch die Spanier und Portugiesen. Als solches kann es weltgeschichtlich gar nicht überschätzt werden.

Frage: Wirklich? Vor zwei Jahren erschienen im Reformationsjubiläum gefühlt so viele Luther-Biografien, wie Jahre seit Luthers Thesenanschlag 1517 vergangen sind. Von Ihnen abgesehen scheint sich die deutsche Historikerzunft momentan wenig für die Conquista zu interessieren.

Rinke: Dass uns Deutschen Luther und die Reformation näher sind, ist einerseits verständlich. Andererseits finde ich die rein nationale Gedenkbrille etwas kurzsichtig. Als würde uns die Conquista nichts angehen, nur weil sie am anderen Ende der Welt geschah. Dabei war sie ein Global-Ereignis, das sich als mindestens so einschneidend erwies für die Geschichte der Menschheit und das Christentum wie die Reformation. Davon abgesehen war sie eine beispiellose Tragödie. Als sich Cortés und sein Häuflein Conquistadoren im Februar 1519 aufmachten, das Reich der Azteken zu unterwerfen, lebten dort etwa 25 Millionen Menschen. 80 Jahre später waren es nur noch eine Million. Ähnlich massiv dürfte der Bevölkerungsrückgang in anderen Regionen Mittel- und Südamerikas gewesen sein. In der Karibik wurden die Ureinwohner fast ganz ausgelöscht. Kurz: Die Conquista ist die größte demografische Katastrophe der Neuzeit. Kein Krieg, keine Pestepidemie ist damit vergleichbar.

Frage: War sie ein Völkermord im Namen Jesu Christi?

Rinke: Nicht ganz. Die Spanier kamen nicht in die für sie neue Welt, um die Indigenen zu vernichten. Sie wollten sie bekehren und versklaven. Durch die Kriege und vor allem durch die mitgebrachten Krankheiten entstand jedoch ein genozidaler Effekt: Keiner wollte den Völkermord. Er passierte dennoch.

Frage: Einer der wichtigsten Profiteure war die Kirche.

Rinke: Natürlich erlebte die katholische Kirche durch die Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt sowie durch die Errichtung der nachfolgenden Kolonialgesellschaft einen erheblichen Machtzuwachs. Man kann sogar sagen, dass das Christentum durch die Annektierung Lateinamerikas überhaupt erst zur Weltreligion wurde. Erst dadurch konnte es zum wesentlich jüngeren Islam machtpolitisch aufschließen. Der hatte der christlichen Expansion nach Asien und Afrika Grenzen gesetzt und selbst in Europa Fuß gefasst.

Frage: Abgesehen davon, dass die Spanier die Mauren kurz vor der Entdeckung Amerikas von der Iberischen Halbinsel vertrieben hatten.

Stefan Rinke lehrt Geschichte am Lateinamerika- und am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Sein Buch "Conquistadoren und Azteken. Cortés und die Eroberung Mexikos" ist im Verlag C. H. Beck erschienen. © privat

Rinke: Ohne diese sogenannte Reconquista ist die wenige Jahrzehnte später stattfindende Eroberung der Neuen Welt nicht denkbar. Männer wie Hernán Cortés wuchsen mit den Heldengeschichten ihrer Väter auf. Diese handelten vom Sieg über die Ungläubigen, von Reichtum und Ruhm. Viele Conquistadoren sahen sich als die Zuspätgekommenen der Geschichte: Ausgebildet, um für Gott und Vaterland zu kämpfen, gab es für sie in Europa nichts mehr zu erobern. Die Türen des sozialen Aufstiegs, die sich ihren Vätern in der Reconquista geöffnet hatten, waren ihnen nun verschlossen. Ihr Ehrgeiz war gezwungen, sich ein neues Ziel zu suchen.

Frage: Die Neue Welt.

Rinke: Nur dass die gar nicht mehr so neu war, als Cortés dort ankam. In der Karibik waren die Pfründen bereits vergeben. Da war er nur einer unter vielen. Also musste er weiterziehen. Richtung Westen.

Frage: Um dort hemmungslos rauben und morden zu können.

Rinke: Ganz so hemmungslos auch wieder nicht. Dass die Conquistadoren nichts weiter als skrupellose Verbrecher waren, ist eine Legende der Moderne. Was in Mittel- und Südamerika geschah, war Raub- und Kreuzzug in einem. Für den Menschen des 21. Jahrhunderts ist das schwer nachvollziehbar. Er vermutet hinter dem religiösen Bekenntnis automatisch Heuchelei. Gier als Motiv ist ihm geläufiger. Die historische Wirklichkeit jedoch war komplexer. Die Conquistadoren inszenierten sich nicht nur im Nachhinein als Missionare mit Schwert. Sie glaubten wohl wirklich, Gottes Willen zu vollstrecken und einen gerechten Krieg zu führen. Cortés etwa war ein frömmelnder Mensch. Er betete und beichtete – "unter vielen Tränen", wie die Quellen behaupten – regelmäßig und hoffte sein Handeln, das christlichen Werten hohnsprach, so vor dem Herrn zu legitimieren.