Das Konzert- und Opernmagazin concerti hat zu unserer Freude gerade zum zweiten Mal ein "Publikum des Jahres" gewählt. Der Preis geht an die Besucher der Weilburger Schlosskonzerte, herzlichen Glückwunsch dazu ins ehemalige Herzogtum Nassau! Wir wissen zwar nicht, was das Publikum dort im Einzelnen qualifiziert, aber man darf wohl annehmen, dass es jedenfalls nicht zwischen den Sätzen einer Sinfonie applaudiert oder während der Darbietung laut mosernd durch den Saal spaziert wie die Besucher der Hamburger Elbphilharmonie. Wenn die Juroren des Magazins den Mumm hätten, auch einen Preis für das liederlichste Publikum zu vergeben – den Goldenen Hustenbonbon oder so –, dann wäre an der Elbe ein heißer Kandidat zu finden. Aber natürlich wird es eine solche Negativauszeichnung niemals geben, weil jede Kritik an jedwedem Publikum streng verboten ist. Die Zeiten, da ein Peter Handke für seine Publikumsbeschimpfung ganze Theater verpflichtete, sind vorbei. Das Publikum ist Kunde, und der Kunde ist König – beziehungsweise: Wer zahlt, schafft an. Es gilt ja auch als Tabu, Wähler zu kritisieren, selbst wenn sie der AfD hinterherlaufen, randalierend durch Chemnitz oder laut mosernd durch Dresden ziehen. Alles, was in Massen auftritt, darf generell nicht mehr oder nur sehr schüchtern benotet werden, möglicherweise handelt es sich um eine Spätfolge der Französischen Revolution. Es könnten ja wieder Guillotinen aufgestellt werden, zum Beispiel im Foyer der Konzerthäuser, um alle zu eliminieren, die am gesunden Missempfinden des Volkes zu zweifeln wagen. War da jemand so elitär, an der Musik Freude gehabt zu haben? Oder so bürgerlich, dass er still und sittsam auf seinem Stühlchen durchgehalten hat? Unters Fallbeil mit ihm! Wir tasten uns, der Leser wird es bemerkt haben, langsam an die Motive der Juroren heran, die das Publikum des Jahres wählen. Warum Weilburg? Aus Furcht vor Weilburg natürlich. Denn was da alles in der Abgeschiedenheit des Nassauischen möglich wäre, wenn den Konzertgästen nicht vorauseilend und nachträglich der Mund mit Honig zugeschmiert, am besten regelrecht verklebt würde, das wissen wir gar nicht oder wollen es nicht wissen. Aber was wir jetzt wissen, ist die Lösung der Hamburger Disziplinprobleme. Das Elbphilharmoniepublikum muss gelobt werden! Ein Hoch auf die Bustouristen! Und jetzt noch einmal, mit weniger zusammengebissenen Zähnen: Die Störer, sie leben hoch! Sie sind die kommenden Herren des 21. Jahrhunderts.

FINIS