Genf, im Sommer des Jahres 1816: "Ununterbrochen Regen. Es schifft und schifft und schifft cats and dogs". Percy Bysshe Shelley, der Dichter, und Mary Godwin (spätere Shelley), die Dichterin, singen den Text der Librettistin Dea Loher ohne Punkt und Komma, während der Chor des Theaters Basel zusätzlich zum brodelnden Orchestersatz noch ein paar Reizwörter in die Debatte wirft: "rain", "ugly", "Sumbawa".

Sumbawa? 1816 war in Mitteleuropa das Jahr ohne Sommer. Weil auf Sumbawa, Indonesien, der Vulkan Tambora ausgebrochen war, regnete es ohne Unterlass, auch am Genfer See. Dort, in der Villa Diodati, hielt der Exzentriker und Dichter Lord Byron mit seiner schwangeren Geliebten Claire Clairmont Hof. Man hatte den Philosophen Jean-Jacques Rousseau im Blut, die Revolution von 1789 noch nicht vergessen und – neben viel Ego-Show – den neuen Menschen im Sinn. Man plauderte, posierte und warf alle zur Verfügung stehenden Drogen ein wie Drops. Shelley hatte den Blues, und der Leibarzt John Polidori liebte den Lord (und strippt auf der Baseler Bühne in Strapsen).

Am Ende immerhin war die Weltliteratur um ein epochemachendes Buch reicher: Frankenstein oder Der moderne Prometheus von Mary Shelley. Wie diese Frau wurde, was sie war, dies hat – mit mehr oder minder feministischem Ansatz und Elle Fanning in der Hauptrolle – unlängst die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour in ihrem Film Mary Shelley geschildert.

Für den Komponisten Michael Wertmüller wäre ein solcher Fokus jedoch nichts. Denn während Teile der Neuen-Musik-Szene derzeit von leichten Lähmungserscheinungen ergriffen zu sein scheinen und sich, wie zuletzt beim Stuttgarter Eclat-Festival, ins partizipative Musiktheater hinüberretten (Publikum spielt, ungern, mit), ist Wertmüller immer mehr eine Insel und stets ganz für sich. Schließlich kann der Schweizer Schlagzeuger und Schüler von Dieter Schnebel musikalisch schlichtweg alles: Er kann kreieren, imitieren (Richard Strauss oder Karlheinz Stockhausen, gleichviel), er kann konstruieren, karikieren und so fort. Wertmüllers kompositorisches Talent ist überbordend, einschließlich einer Tendenz zum Manischen und zur Maßlosigkeit.

Bei der dreistündigen Uraufführung von Diodati. Unendlich am Theater Basel reichte Michael Wertmüller auch nicht die eine, ohnehin schon komplexe historische Konstellation. Nein, mit kräftigen Anleihen bei Friedrich Dürrenmatt liefert er seine schwarzen Romantiker einer Armee von Physikern vom heutigen, ebenfalls am Genfer See angesiedelten Teilchenbeschleunigerzentrum Cern aus: In einer grellen Groteske werden die Literaten als Laborratten wiederbelebt und animiert, am hochlebendigsten die Frauen (Kristina Stanek, Sara Hershkowitz), deren parodistisch eingesetzte Koloraturen manchmal kein Ende zu kennen scheinen. Kurzum, wer in Basel Platz nimmt, hat "All you can hear!" gebucht: Von atonal bis Madrigal, von Easy Listening bis Heavy Metal und von Free bis Frank Zappa ist alles drin – und das wären jetzt wirklich nur ein paar Posten. Speisefolge: eigentlich keine. Alle zehn Sekunden rauscht ein neuer Sound rein. Das kann einem manchmal ein bisschen viel werden.

Pausenlosigkeit und Dauererregtheit, zusätzlich befeuert noch von der fantastischen Band Steamboat Switzerland und dem herausragenden Gitarristen Yaron Deutsch, haben allerdings ihren Preis. So wie kein Mensch 140 Minuten lang den Tristanakkord hören kann, so kann kein Zuschauer mehrere übereinandergelegte musikalische und dramaturgische Spannungsbögen auf Dauer verkraften. Die Regisseurin Lydia Steier hat in dieser Konstellation die eher undankbare Aufgabe, produktiv Frieden zu stiften zwischen dem selbstreflexiven, sprachlich dichten Text Dea Lohers und dem mitunter atomar aufgeladenen Werk, das im Prinzip handlungslos ist. Immerhin stellt Steier einen narrativen Rahmen her. Dass dabei die Handlungslogik nicht ständig bedient wird, versteht sich von selbst, aber handwerklich hochgekonnt wirkt es allemal. Überhaupt ist die Konstitution des Theaters Basel bei der Uraufführung vorzüglich. Trotz spieltechnisch und emotional heftiger Ansprüche an den Apparat wackelt hier rein gar nichts, nicht im Bühnenbild (Flurin Borg Madsen), nicht im Ensemble. Dabei ist der Dirigent Titus Engel, der hier zuletzt Stockhausens Licht-Zyklus belebte, dauernd gefragt, wenn es innerhalb von Sekunden gilt, mit dem Sinfonieorchester Basel den musikalischen Stil zu wechseln (also als Temperament und Moderator). Gefragt ist er auch als Koordinator bei den heiklen rhythmischen Verschiebungen, von denen Wertmüllers ebenso wuchtige wie verzärtelte Musik intensiv lebt. Neben den Solisten (Primus inter Pares und auch schauspielerisch eine Wucht: Holger Falk als Lord Byron) ist es namentlich der Chor, den die permanente metrische Unrast schüttelt. Indes: Ungerührt und animiert, so scheint’s, stehen sie alles durch.

Doch wenn man mal praktisch denkt: Wen schickte man rein in Diodati. Unendlich, den seltsamen Fall eines Werkes, das einerseits fast autistisch verkapselt ist – und andererseits eine pure Wundenoffenlegung, ganz im schlingensiefschen Sinne? Schwer zu sagen. Michael Wertmüllers kompositorischer Anspruch ist es, nicht "komplexer zu komponieren als etwa Brian Ferneyhough oder Pierre Boulez", wobei er aber mit den Genannten gar nicht auf einen gemeinsamen Komponisten-Nenner geht. Wertmüller ist nämlich, um das Mindeste zu sagen, ein fantastischer (und auch irgendwie verrückter) Polystilist – was ihn nicht eben leicht vermittelbar macht. Ob sich nach der Baseler Uraufführung noch einmal jemand an Diodati. Unendlich heranwagt, steht deshalb noch in den Sternen.