Gerade war Christoph Felger drei Wochen lang in Asien, Hochhäuser anschauen, und was er dort gesehen hat, gefiel ihm nicht. Zwar hatten die Wolkenkratzer eindrucksvolle Silhouetten, doch unten am Boden, wo die Menschen vorbeiliefen, waren sie trostlos. "Unorte", sagt Felger, bestehend aus Tiefgarageneinfahrten, Müllentsorgungszonen und großen, toten Empfangshallen. "Das werden wir in Hamburg auf jeden Fall vermeiden", verspricht der Partner im Büro von David Chipperfield Architects in Berlin, der so etwas wie der Chefplaner des womöglich nächsten Hamburger Wahrzeichens ist.

Für den Elbtower haben Felger und sein 14-köpfiges Team ein Sockelgebäude entworfen, sechs Stockwerke hoch, aus dem der Turm emporwachsen soll. Im Sockel soll viel los sein, besonders auf dem überdachten Platz in der Mitte. Nach Norden zum Oberhafenkanal hin hat Felger gerade ein weiteres Restaurant eingeplant, "wo man den ganzen Tag sitzen und die Nähe des Wassers erleben kann". Auch ein Hotel und eine "wissenskulturelle Vermittlung" soll es geben, konkreter darf der Architekt nicht werden, alles ist noch geheim – und politisch brisant.

Während Felger in diesen Tagen die Vorplanung beendet, regt sich auf den letzten Metern plötzlich Widerstand. Einige SPD-Abgeordnete verkündeten, dass sie wenig von dem 245-Meter-Koloss an den Elbbrücken hielten. Aus unterschiedlichen Gründen: Ein Hochhaus passe schlicht nicht zu Hamburg, heißt es. Es bestehe die Gefahr, dass die Baukosten explodierten, der Bauherr sich davonmache und die Stadt auf einer Ruine sitzen bleibe. Die kalkulierten Mieten seien unrealistisch hoch. Kurzum: Ein Drama wie bei der Elbphilharmonie drohe und müsse auf jeden Fall vermieden werden.

Nun ist der Vergleich der beiden Riesenprojekte von vornherein schief. Denn der Elbtower soll allein von einem privaten Investor gebaut und bezahlt werden, der Signa Prime Selection AG. Sie gehört dem österreichischen Milliardär René Benko, der neben dem Alsterhaus in Hamburg inzwischen auch Karstadt und Kaufhof erworben hat. Die Stadt kassiert 122 Millionen Euro für das Grundstück an den Elbbrücken, gelegen zwischen Eisenbahn- und Autotrassen. In der Bauzeit kann sie sich darauf konzentrieren, den Fortschritt zu überwachen und Strafzahlungen bei Verzögerungen zu berechnen. Der Investor muss vor Baubeginn mehrmals nachweisen, dass er das benötigte Geld hat. Man habe sich mit Gürtel und Hosenträgern bereits doppelt abgesichert, sagt Jürgen Bruns-Berentelg, der Chef der HafenCity GmbH, der das Grundstück vor einem Jahr bereits für die Stadt an Signa verkauft hat – vorbehaltlich der Zustimmung des Parlaments. "Jetzt wird die Bürgerschaft ein weiteres Loch in den Gürtel machen, um ihn noch enger schnallen zu können", sagt er.

In einem zweiseitigen Papier, beschlossen im Haushaltsausschuss, fordern die Abgeordneten zusätzliche Sicherungen. Der entscheidende Punkt darin: Schon vor Baubeginn müsse der Investor nachweisen, dass er "verbindliche Mietverträge" für rund 30 Prozent der geplanten Bürofläche habe, und zwar mit einer ortsüblichen Laufzeit von mindestens fünf Jahren.

Der Investor Signa äußert sich in diesen Tagen nur sehr allgemein zu dem Konflikt, man sehe "den Gesprächen mit der Stadt mit Interesse entgegen". Aus dem Umfeld ist zu hören, dass Signa zum Elbtower stehe und sich keine Sorgen mache, die geplanten 70.000 Quadratmeter Bürofläche nicht vermieten zu können. Doch feste Mietverträge schon fünf Jahre vor Einzug zu schließen halte man dann doch für eine unnötige Erschwernis. Kaum eine Firma könne heute schon exakt wissen, wie viele Mitarbeiter sie in fünf Jahren beschäftige.

Mag sein, dass Signa noch auf eine Abmilderung der Formulierung hofft, doch am Ende sitzen die Abgeordneten am längeren Hebel. Die Klausel soll am 27. März so im Parlament beschlossen werden. Und dann?

Dann wird der Elbtower voraussichtlich trotzdem gebaut. "Ich sehe die Realisierungschancen durch diese Regelung in keiner Weise beeinträchtigt", sagt der HafenCity-Chef Bruns-Berentelg, "sie sind genauso hoch wie vor einem Jahr, als der Vertrag geschlossen wurde." Die Planungen laufen ungebremst weiter, allerlei Fachleute sind verpflichtet und können gleich nach dem Votum des Parlaments loslegen. Denn der Zeitplan ist eng: Im Jahr 2021 ist der Baustart geplant, spätestens 2026 soll der Turm fertig sein. Geplante Baukosten: 700 Millionen Euro.

"Der Baubeginn 2021 ist machbar", sagt der Architekt Felger, "wir sind alle intensiv am Arbeiten." Auch SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf glaubt, "dass der Elbtower funktionieren wird". Er geht davon aus, dass der Investor die Bedingungen erfüllen werde, und hält die Zusatzforderungen für "normale Parlamentspraxis", keinesfalls für eine verspätete Rebellion einiger SPD-Abgeordneter gegen Olaf Scholz, der ein Fan des Turms ist und öffentlich von ihm schwärmte.