Beim Telefonat mit der Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling klingt ihre Stimme gepresst. Die Frau, die sonst in Talkshows und auf Podiumsdiskussionen ihre Sätze so flüssig formuliert, als läse sie von einem Teleprompter ab, klingt jetzt angespannt. Während des Gesprächs macht sie immer wieder Pausen.

DIE ZEIT: Frau Wehling, wenn man in diesen Tagen Artikel über Sie liest, könnte man den Eindruck bekommen, Sie seien eine Gefahr für die Demokratie. Man wirft Ihnen sogar vor, Gehirnwäsche zu betreiben. Tun Sie das?

Elisabeth Wehling: Nein. Ich bin schockiert über die Vorwürfe. Vor allem, weil der Hintergrund völlig außer Acht gelassen wird. Ich habe auf der Grundlage von Workshops mit einer Arbeitsgruppe der ARD 2017 ein internes Papier geschrieben. Die Idee war, einzelne Begriffe in der Kommunikation des Senders zu analysieren und Alternativen aufzuzeigen. Es war für nichts anderes gedacht als für die interne Verwendung – und zwar als Diskussionsgrundlage.

ZEIT: In diesem "Framing-Manual" geben Sie Tipps für Formulierungen, um das Bild der Bürger von der ARD zu verbessern. Verstehen Sie, dass dies für manche nach Manipulation klingt?

Wehling: Das Papier wird instrumentalisiert für eine politische Skandalisierung. Es war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, Inhalte sind aus dem Kontext gerissen. So werden seit zwei Wochen aus einem knapp 90 Seiten langen Dokument nur drei, vier Stichworte debattiert. Da entstehen selbstverständlich Missverständnisse.

ZEIT: Ein Stichwort liefert Ihr Vorschlag, die Privatsender als "medienkapitalistische Heuschrecken" zu bezeichnen – ein Begriff, den vor allem rechte und linke Kapitalismuskritiker benutzen. Die ARD soll aber unabhängig von politischen Meinungen sein. Wie passt das zusammen?

Wehling: Ich kann mir vorstellen, dass dies keine befriedigende Antwort für Sie ist, aber zu Einzelheiten interner Kundenarbeit äußere ich mich nicht ...

ZEIT: Auch wenn es inzwischen öffentlich ist?

Wehling: Nein, auch dann nicht.

ZEIT: Dann sprechen wir über die Debatte. Der WDR-Intendant Tom Buhrow sagte im Handelsblatt: "Wenn nur noch bestimmte Worte benutzt werden sollen, mache ich nicht mit."

Wehling: Ich habe noch nie jemandem vorgeschrieben, was er sagen soll! In meiner Arbeit zeige ich auf, welche Bedeutung hinter Sprache steckt. Als Beraterin orientiere ich mich an den Zielen meines Kunden. Interne Papiere formuliere ich in Abstimmung mit dem Auftraggeber. Tom Buhrow kann beruhigt schlafen – ich werde ihm nicht sagen, wie er reden soll.

ZEIT: In Ihrem Papier stehen Sätze wie: "Denken und sprechen Sie immer über die moralischen Prämissen." Ist das keine Handlungsanweisung?

Wehling: Wie gesagt, es geht um ein internes Papier. Ich finde es aber bemerkenswert, dass in der Debatte keine sachliche Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Konzepten stattfindet, die dahinterstecken. Im Kern geht es darum, dass bei jedem Wort, das wir sagen, "Frames" in unserem Gehirn aktiviert werden. Das sind Denkmuster, die bestimmen, wie wir denken und handeln. Idealerweise sollte unsere Sprache auch unsere Sicht auf die Faktenlage widerspiegeln.

ZEIT: Sind Fakten Ihrer Meinung nach also egal?

Wehling: Nein, Fakten sind zentral. Das Problem ist nur, dass Fakten und Frames von einigen als Gegensatz empfunden werden. Beim Klimawandel etwa gibt es viele Fakten. Aber es ist schlicht unmöglich, sie ohne Deutungsmuster zu kommunizieren. In meinen Workshops sensibilisiere ich unter anderem Medienschaffende für ihre Sprache, indem ich sage: Schaut genau hin!

ZEIT: Es gibt aber einen Unterschied zwischen der Analyse und dem gezielten Einsatz von Wörtern. Raten Sie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu weniger Sachlichkeit?

Wehling: Noch einmal: Bei dem Papier handelt es sich um ein internes Dokument, das aus dem Kontext gerissen wurde. Viele stören sich an dem Begriff Moral, der darin vorkommt. Ich verstehe, der kann negative Assoziationen wecken, da er ans Moralisieren erinnert, wenn man ihn als Forschungsbegriff nicht kennt. Aber das moral framing, auf das ich mich beziehe, ist ein anerkanntes wissenschaftliches Konzept.

ZEIT: Nicht nur das Papier steht in der Kritik, sondern inzwischen auch Sie und Ihr Berkeley International Framing Institute. Auf dessen Website findet man kein Impressum, keine Adresse, keine Mitarbeiter. Was steckt dahinter?

Wehling: Ich weiß, derzeit kursieren viele verrückte Theorien. Aber alle meine Kunden wissen, das Berkeley International Framing Institute ist meine Marke, unter der ich Beratungen anbiete. Ein Institut mit Räumlichkeiten hat es nie gegeben und das wurde auch nie suggeriert – wie gesagt, es ist eine Marke.

ZEIT: Ich habe mit Menschen gesprochen, die Sie für Interviews oder Veranstaltungen angefragt haben. Manche dachten, ihr Institut sei in den USA angesiedelt, andere in Berlin oder Hamburg. Aber alle gingen davon aus, es sei ein Ableger der renommierten University of California.

Wehling: Ich weiß ja nicht, mit wem Sie gesprochen haben. Aber der Name lässt sich besser einordnen, wenn man die Entstehungsgeschichte kennt. Ich forsche seit zwölf Jahren an der Universität in Berkeley. Vor zwei Jahren haben vier Kollegen und ich gemerkt, dass es in Deutschland Bedarf gibt. Wir wollten Workshops zur Framing-Wissenschaft anbieten, alles stand schon, das Konzept, die Marke. Aber dann hatten die Kollegen weniger Interesse an der deutschen Debatte als ich. Also habe ich alleine weitergemacht.

ZEIT: Auf Ihrer Website nennen Sie Fachbeiträge, bei denen Sie Co-Autorin sind. Die meisten sind noch nicht publiziert, acht sind als "in Vorbereitung" oder "eingereicht" markiert, einer als "akzeptiert".

Wehling: Zwei Papiere habe ich gerade in 2018 veröffentlicht. Das habe ich auf meiner Website bisher nicht aktualisiert.

ZEIT: Auch ein Fachjournal, das Sie herausgeben sollen, ist auf Ihrer Website angegeben. An dem gibt es ebenfalls Zweifel.

Wehling: Ein Kollege und ich haben das Journal gemeinsam entwickelt und das Projekt vor Kurzem gecancelt. Auch das hätte ich auf der Webseite aktualisieren sollen. Das kann man mir vorwerfen. Wie jemand infrage stellen kann, dass ich Wissenschaftlerin bin, verstehe ich aber nicht. In den letzten Tagen haben viele bei der University of California angerufen. Und es wurde immer gesagt: Ja, Elisabeth hat hier promoviert, ja, Elisabeth ist hier immer noch als Forscherin tätig, ja, Elisabeth berät neben-her mit ihrer Consulting-Brand. Meine Universität und meine Kollegen kennen mich zum Glück seit Jahren und wissen, was sie an mir haben.

ZEIT: Wie viel Zeit verbringen Sie mit der Forschung an der University of California?

Wehling: Ich habe jetzt über zwölf Jahre dort geforscht, unterrichtet und gearbeitet. Seit sechs Jahren als Post-Doc, aktuell auf einer reinen Forschungsstelle.

ZEIT: Sie wurden damit beauftragt, den Ruf der ARD verbessern zu helfen, nun steht Ihr eigener in der Kritik. Haben Sie sich schon eine Strategie überlegt, wie Sie damit umgehen?

Wehling: Ich bin ganz ehrlich, es hat mich fassungslos gemacht, als Wissenschaftlerin, Beraterin und Mensch auf einmal solchen Angriffen ausgesetzt zu sein. Es ist schwierig, damit umzugehen, und ich werde mich jetzt erst einmal etwas sortieren müssen. Aber alles läuft normal weiter, die Forschung und die Beratung.