Früher war die Zukunft besser. Wachsender Wohlstand war gewiss, und die Konflikte verliefen entlang halbwegs klarer Frontlinien. Heute ist es unübersichtlich geworden. Wohin die Digitalisierung führt, weiß niemand, der Brexit weist in eine ungewisse Zukunft, und ein einzelner Tweet kann die Welt in Unruhe versetzen.

Menschen wie Wolfgang Petritsch haben ihr Leben damit verbracht, die Welt zu verstehen. Der österreichische Spitzendiplomat, der als Sekretär Bruno Kreiskys begann, war unter anderem Botschafter, Chefverhandler bei Friedensbemühungen im früheren Jugoslawien, Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, und er vertrat Österreich bei den UN in Genf. Auf knapp 300 Seiten beschreibt er nun die neue Welt und fragt sich: Wie konnte das passieren?

Nirgendwo zeige sich der Wertewandel so deutlich wie anhand zweier Aussagen von zwei konservativen Politikern. "Wir schaffen das", sagte Angela Merkel im August 2015 auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise. Kein halbes Jahr später erklärte der österreichische Außenminister Sebastian Kurz: "Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen."

Europa, so Petritsch, rücke sei 2015 "von den Prinzipien und Institutionen des Kanons der Grund- und Menschenrechte" ab. Der Populismus einer neuen Generation leugne gesellschaftliche Widersprüche, setze auf Höflichkeit und gutes Benehmen und legitimiere so Härte gegenüber Zuwanderern. Die Verteidigung der Menschenrechte, die einst als unverhandelbar galten, sei von der Agenda verschwunden.

Petritsch schafft einen rasanten Überblick, von der Nachkriegsordnung über das vermeintliche "Ende der Geschichte" seit 1989 – dem angeblichen Sieg der liberalen Demokratie, bis zur "Rückkehr der Geschichte" seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Dicht und anschaulich schafft er einen Bogen von Roosevelts New Deal, dem Siegeszug des Neoliberalismus hin zum Aufstieg der Populisten und dem chinesischen Mammutprojekt, der neuen Seidenstraße.

Auf Geschichten aus dem diplomatischen Nähkästchen verzichtet er leider. Nur an einer Stelle erzählt er von der Verschleppung von sechs Bosniern durch amerikanische Spezialeinheiten nach Guantánamo. Als Zivilverwalter in Sarajewo intervenierte Petritsch und traf – auch im Wiener Außenministerium – auf "betretenes Schweigen".

All diese Entwicklungen verknüpft er mit der fortschreitenden Digitalisierung, durch die "der Homo sapiens seinen wirtschaftlichen Wert verliert". Wie könnte eine künftige digitale Weltordnung aussehen? Kommt die chinesische Lösung, in der das World Wide Web in viele voneinander abgeschottete Netze zerfällt? Oder doch ein digitaler Multilateralismus?

Es ist kein sonderlich optimistisches Buch, und Petritschs Befund ist ernüchternd: Die Ära der Aufklärung neige sich dem Ende zu, schreibt er. "Indem Wirtschaft und nationale Sicherheit unabhängig vom Konsens breiter Mehrheiten in der Gesellschaft werden, öffnen sich neue Handlungsspielräume für autoritäre Herrschaftsformen". Es liege an Europa, dem etwas entgegenzusetzen.

Wolfgang Petritsch: Epochenwechsel. Unser digital-autoritäres Jahrhundert. Christian Brandstätter Verlag, Wien 2018; 288 S., 25 € (Ebook: 19,99 €)