Für Jens Weidmann hat das Jahr vergleichsweise ruhig begonnen. Ein paar Reden, etliche Sitzungen, das übliche Programm. Die kommenden Wochen könnten für den Präsidenten der Bundesbank erheblich turbulenter werden, denn sofern es stimmt, was man sich in Berliner Politikerkreisen erzählt, hat er auf einmal wieder beste Chancen, wenn im Sommer einer der wichtigsten wirtschaftspolitischen Posten in Europa neu besetzt wird: das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die Personalie ist Teil eines höchst komplizierten europaweiten Postenkarussells. In diesem Jahr wird annähernd die gesamte Führungsspitze der EU ausgetauscht, weil neben einem neuen Zentralbankpräsidenten auch ein neuer Kommissionschef und ein neuer Ratsvorsitzender gefunden werden müssen. Und wie immer in Europa gilt: Alles hängt mit allem zusammen, und kein Land will am Ende leer ausgehen.

Die Bundesregierung wird maximal einen der drei Topjobs besetzen können. Aber welchen? Angela Merkel hat sich im Herbst hinter Manfred Weber gestellt, den Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei, der Kommissionspräsident werden will. Damit war Weidmann erst einmal aus dem Spiel.

Nun aber wird sein Name wieder genannt, wenn es um das Personaltableau geht – und das liegt hauptsächlich daran, dass es inzwischen für möglich gehalten wird, dass Manfred Webers Kandidatur scheitert. Zum Verhängnis werden könnte Weber seine Nähe zum ungarischen Rechtspopulisten Viktor Orbán, dessen Fidesz-Partei der Europäischen Volkspartei (EVP) angehört. Die Liberalen im Europaparlament haben bereits gewarnt, dass sie bei der Wahl des Kommissionspräsidenten nicht für einen Politiker stimmen werden, der Orbán in seinen Reihen duldet. Die Sozialdemokraten sehen das nun dem Vernehmen nach offenbar ähnlich.

Wenn die Europawahlen im Mai in etwa so ausgehen, wie es die derzeitigen Umfragen nahelegen, stünde Weber möglicherweise im Parlament ohne eigene Mehrheit da. Dann würde der sozialdemokratische Spitzenkandidat Frans Timmermans aus den Niederlanden versuchen, eine eigene Mehrheit zu organisieren. Wenn das auch nicht gelingt, dürften die Staats- und Regierungschefs versuchen, sich auf einen Kandidaten zu einigen, der dann wiederum vom Parlament bestätigt werden müsste. Im Gespräch sind Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, der oberste Brexit-Verhandler Michel Barnier und die europäische Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager.

Die drei haben eine für die europäische Machtarithmetik wichtige Gemeinsamkeit: Sie sind keine Deutschen – und damit wäre der Weg wieder frei für Weidmann. Innerhalb der deutschen Regierungskoalition wird dieses Szenario für so plausibel gehalten, dass hochrangige Politiker mit den möglichen Konsequenzen befasst sind, auch wenn offiziell niemand etwas in der Angelegenheit sagen will, um Weber nicht in den Rücken zu fallen.