Jeder, der ab und an in Konferenzen oder Besprechungen sitzt, kennt das: Es ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem. Die Dieseldebatte mit ihren endlosen Diskussionen um vermeintliche und tatsächliche Auswirkungen von Abgasen erinnert daran. Doch just dazu hat sich gerade jemand geäußert, dessen Beitrag so viel Gewicht hat, dass man ihm zuhören muss – auch wenn er ein wenig fragwürdig gearbeitet hat: das ICCT, das International Council on Clean Transportation. Das ist jene gemeinnützige US-Organisation, die mit ihren Messungen im Jahr 2015 den Betrug von VW bei den Dieselabgaswerten aufgedeckt hat.

Nun hat das ICCT zusammen mit Forschern der George-Washington-Universität in Washington sowie der Universität Colorado in Boulder errechnet, wie viele Menschen vorzeitig an den Folgen von Feinstaub und Ozon sterben. Es sind viele: Laut ICCT sollen es 2015 weltweit etwa 385.000 Menschen gewesen sein, die sonst länger gelebt hätten. Die Zahl überrascht nicht unbedingt, immerhin sind wir bei all den Meldungen zur verdreckten Luft inzwischen ja einiges gewohnt.

Was allerdings überrascht: Deutschland nimmt einen unrühmlichen Spitzenplatz ein. 13.000 Menschen sollen hierzulande im Jahr 2015 vorzeitig an Feinstäuben und Ozon aus dem Verkehr gestorben sein. Absolut gerechnet, ist das Platz vier, nach China, Indien und den USA. Setzt man die Toten allerdings ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, dann ist Deutschland sogar die Nummer eins. Und auch bei weltweit 100 untersuchten Metropolen sind gleich drei deutsche Städte unter den sechs am meisten belasteten: Stuttgart, Köln und Berlin (neben Mailand, Turin und Kiew).

Ein wichtiger Grund für das schlechte Abschneiden Deutschlands ist wohl der hohe Anteil von Dieselfahrzeugen hierzulande, glauben die Autoren des ICCT. Allerdings muss man auch sagen, dass ihre Berechnungen sich auf das Jahr 2015 beziehen. Damals waren noch deutlich weniger Dieselautos als heute mit einem Filter ausgerüstet, der sehr effektiv Feinstaubpartikel zurückhält. Zahlen für das Jahr 2018 würden vermutlich niedriger ausfallen.

Die Frage ist ohnehin, ob das ICCT gut beraten war, mit der Zahl der vorzeitigen Todesfälle an die Öffentlichkeit zu gehen. Das Problem an dieser statistischen Größe ist die Ungenauigkeit, die mit ihr verbunden ist: Sie berücksichtigt nicht, wie viel früher jemand stirbt. Jemand, der 20 Jahre unter seiner eigentlichen Lebenserwartung bleibt, geht genauso in die Statistik ein wie jemand, der nur 20 Tage vorher stirbt. Das ICCT hätte der Öffentlichkeit besser eine andere statistische Größe genannt: die verlorenen Lebensjahre. Diese Zahl ist zwar weniger spektakulär, dafür aber aussagekräftiger.

Zugutehalten muss man dem ICCT allerdings, dass es die Gefahren durch Feinstaub berechnet hat. Der kam in den hitzigen Debatten der letzten Zeit häufig nur am Rande vor. Dabei sehen Experten ihn und nicht das Stickoxid als den eigentlichen Bösewicht unter den Luftschadstoffen an.