Heim, Küche, Eheglück – das Weltbild der Fünfzigerjahre befindet sich wieder auf dem Vormarsch. © GraphicaArtis/www.bridgemanimages.com

Es war einmal eine Frau, die jahrzehntelang mit ansah, wie ihre eigene Mutter sich zwischen Arbeit und Privatleben aufrieb. Zwar genoss sie selbst einige Privilegien, die ihr die Frauenbewegung beschert hatte, war aber unzufrieden, dass sie noch immer nicht so viel erreicht hatte wie die gleichaltrigen Männer, die weniger unter dem sozialen Druck standen, alles unter einen Hut bringen zu müssen. Genau das braucht nämlich die Ressourcen der meisten Frauen auf. Die Kluft zwischen der Mutter, die ihre Bedürfnisse selbstverständlich hintanstellt, und der Frau als freies Subjekt, das unbegrenzte Wahlfreiheit hat, ist tiefer denn je.

Die Mutterschaft als Kern der Weiblichkeit

Wenige Jahrzehnte nachdem Simone de Beauvoir ihr Buch Das andere Geschlecht veröffentlicht hatte, drehte sich der Wind der feministischen Theorie. War Beauvoir noch für die Gleichberechtigung der Geschlechter aufgrund ihrer Ähnlichkeit eingetreten, entdeckte die neue feministische Theorie wieder die Mutterschaft als Kern der Weiblichkeit, die auch ihre zentrale Erfahrung wäre. Plötzlich ging es nicht mehr darum, die Mutterschaft als mehr oder minder gewollte Begleiterscheinung weiblicher Existenz und Unterdrückung zu sehen. Mutterschaft wurde zur Grundlage stilisiert, auf der eine "... neue, menschlichere und gerechtere Welt entstehen könne. Dazu bedürfe es jedoch einer Rückkehr zu Mutter Natur, die viel zu lange ignoriert worden sei." Von dieser Mutter Natur war im vorigen Kapitel schon die Rede. Die, der man mit zu viel Chemie oder Gendertheorie nicht in die Quere kommen sollte. "Man müsse den Blick wieder auf die physischen Unterschiede lenken, die die Unterschiede im Verhalten nach sich zögen; die Frauen müssten wieder stolz auf ihre Rolle als Nährende sein, von denen Wohl und Schicksal der Welt abhänge." Natürlich wohl wissend, dass neben dieser Rolle kaum Platz für andere mehr sein kann. An diesem Punkt reichen sich maternalistische Feministinnen und konservative Biedermänner die Hand.

Die Philosophin Lisz Hirn © Nikolai Friedrich

Ab jenem historischen Moment, in dem Frauen die Pflichten gegenüber ihren Ehemännern zurückweisen, ihre Fruchtbarkeit kontrollieren und Geld verdienen konnten, verschärfte sich der Druck auf sie, ein bestimmtes Mutterbild zu verkörpern. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass sich das Leben der meisten Frauen mit dem ersten Kind radikal verändert. Im Weiteren geht es nicht um die Frage, wie sehr das Wohlbefinden der einzelnen Frau durch die Mutterschaft beeinträchtigt wird. Es geht vor allem darum, zu klären, wieso sich das Leben vieler Frauen nach der Geburt des ersten Kindes derartig verschlechtert.

Was ist eine "gute Mutti"?

Folgt man den historischen Quellen und bisherigen Recherchen, kommt schnell der Verdacht auf, dass der traditionelle Mythos der "guten Mutti" etwas mit der gewollten Kinderlosigkeit zu tun haben könnte. Im Allgemeinen könnte man glauben, es hätte sich in den letzten Jahrzehnten vieles für die deutschen und österreichischen Frauen zum Positiven verändert. Beruf und Familie sind besser zu vereinbaren. Mutterschaft ist flexibler geworden. Wenn das stimmt, warum bleiben beide Länder in der Gebärstatistik im EU-Vergleich zurück? Es fällt auf, dass viele Frauen, obgleich gut ausgebildet und in einer Partnerschaft, mit über 30 noch kein Kind haben oder wollen. Sind sie Einzelfälle? Anscheinend gibt es gerade im deutschsprachigen Raum so einiges, was das vermeintlich "natürliche" Bedürfnis der Frau zur Mutterschaft hemmt.

Die Idee der "guten Mutti" hat hierzulande eine lange und ambivalente Geschichte. Sie beginnt mit einem Konzept, das seit Anfang des 19. Jahrhunderts alle Beziehungen zwischen Individuen prägte: die romantische Liebe. Seit die Familie als Keimzelle der Gesellschaft entdeckt und die Liebe zwischen Mutter und Kind "heilig" ist, hat sich die Rolle der Frau als Mutter wesentlich verändert. Das Muttersein wurde von der simplen biologischen Funktion zu einer normativen Idee, die alle anderen Rollen der Frau überlagerte.

Als Adolf Hitler in den 1930er-Jahren das "Mutterkreuz" für den verdienten "Dienst am Deutschen Volk" einführte, säte er auf bereits ideologisch fruchtbarem Boden. Das nationalsozialistische Frauenbild orientierte sich an der Ideologie der deutschnationalen oder alldeutschen Biedermänner, die über den "Emanzipationskoller der entarteten Weiber" schimpften und die "Entmutterung der Frauen" anprangerten. Diese "Berufung zur Mutter" als prägendes Frauenbild hat in Deutschland und Österreich bis heute überdauert. Auch die neuen deutschnationalen Biedermänner sprechen heute wieder von "geburtenorientierter Politik".

Eine Frau, die Mutter ist, soll sich weitgehend in den häuslichen Bereich zurückziehen

2013 schrieben sie in einem vom jetzigen FPÖ-Verkehrsminister Norbert Hofer herausgegebenen Buch von einem "natürlichen Brutpflegetrieb" des weiblichen Geschlechts: "Der vom Thron des Familienoberhaupts gestoßene Mann sehnt sich unverändert nach einer Partnerin, die, trotz hipper Den-Mädels-gehört-die-Welt-Journale, in häuslichen Kategorien zu denken imstande ist, deren Brutpflegetrieb auferlegte Selbstverwirklichungsambitionen überragt." Im Klartext bedeutet das: Eine Frau, die Mutter ist, soll sich weitgehend in den häuslichen Bereich zurückziehen, eigene Ambitionen aufgeben und sich vorrangig auf ihre Mutterpflichten konzentrieren. Doch nicht jede Frau macht das mit.

Dass sich Geschlechterrollen nicht so entwickeln müssen, zeigen vergleichende Recherchen mit anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich. Elisabeth Badinter argumentiert mit akribischer Schärfe in Die Mutterliebe, dass die Rolle der "Vollzeitmutter" nicht in der Natur der Sache liegt, sondern eine historisch gewachsene Institution ist, an der in Ländern wie Österreich und Deutschland unter zwei Prämissen auffällig stark festgehalten wird: Erstens geht das Wohl des Kindes über alles und zweitens kann dieses Kindeswohl nur durch eine 24-Stunden-Mutter-Kind-Beziehung garantiert werden. Während eine französische Maman ihre Rolle als Frau pflegen darf, wird ihr deutsch-österreichisches Pendant auf ihre Rolle als Mutter reduziert, die die Aufgabe des unabhängigen, selbstbestimmten Lebens der Mutter zum Wohl des Kindes einfordert. Die folkloristische Behauptung, dass die Mutter unersetzlich für das Kind und deshalb unabkömmlich sei, schlägt sich, wie im vorigen Kapitel ausgeführt, nicht nur in der fehlenden externen Kinderbetreuung und dem fehlenden partnerschaftlichen Ethos nieder. Tatsächlich macht kaum ein junges Elternpaar halbe-halbe. Es gibt den Versuch auf, bevor er überhaupt begonnen wurde.

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Badinter hat gut belegt, dass Mutterschaft die Ungleichheit in der Paarbeziehung enorm verschärft. Egal ob mit oder ohne Trauschein lastet der Großteil der Hausarbeit auf den Schultern der Frauen. Die ungleiche Verteilung häuslicher Pflichten hat sich seit den 1950er-Jahren kaum verändert – vor allem nicht in den Köpfen der Menschen. Zwar hat "die Revolution der Sitten die Männer und Frauen mit der besten Ausbildung einander angenähert, während sie gleichzeitig diese Frauen von ihren weniger gut ausgebildeten Schwestern entfernt hat." Die sehr gut ausgebildeten Frauen verzichten eher für ihre Karriere auf Kinder, während den anderen mangels adäquater Angebote wenig überbleibt, als sich im Haushalt zu engagieren. Wer aufgrund schlechterer Qualifikationen oder Ausgangsbedingungen keinen Job findet, der finanziell genug abwirft, bleibt eher zu Hause. Das ist durch Zahlen gut belegbar. So ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau hierzulande nicht vom Migrationshintergrund, sondern in besonderem Maß vom Bildungsniveau abhängig. In Österreich bekommen in der Landwirtschaft tätige Frauen durchschnittlich 2,5 Kinder und türkisch-stämmige Frauen durchschnittlich 2,4 Kinder. Es wäre allerdings falsch, daraus zu schließen, dass wir das "langsame Aussterben der Österreicher" dadurch verhindern könnten, wenn wir mehr Städterinnen von den Vorteilen des Landlebens überzeugen, da sie dann liebend gerne Kinder bekommen würden.

Spätestens nach dem medial breit rezipierten Aufschrei unter dem Hashtag #RegrettingMotherhood sickert diese Botschaft auch in das Bewusstsein der Konservativen. Diese reagieren mit Abwehr: Jede Frau, die sich nicht in das "Natürlichste auf der Welt" fügt, ist keine "richtige" Frau. Eine "richtige" Frau ist für ihre Kinder immer verfügbar, übernimmt das Gros der Erziehungs- und Hausarbeit und stellt die Bedürfnisse der Familie über die eigenen. Nebenbei verdient sie ein Taschengeld dazu, ist gut ausgebildet, schlank und sexuell attraktiv. Wie stark dieses Ideal als Bringschuld gegenüber einer Gesellschaft gesehen wird, deren Leistungsanspruch an die heutigen Frauen kaum Grenzen kennt, konnte man an den abwertenden Kommentaren gegenüber Politikerinnen wie Elisabeth Köstinger sehen, die ob ihrer Figur beschimpft wurde. Selbst die Biederfrauen sind von diesem Leistungsdruck nicht ausgenommen, sie schlagen mit noch mehr Funktionalität zurück und dem Image der glücklichen und erfüllten Mutter.

Lisz Hirn: Geht’s noch! Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist. Molden Verlag, Wien/Graz 2019; 144 S., 20,– €