Drei Unis und die Charité bilden die Berlin University Alliance (BUA): die Technische Universität oben links hat ein Budget von 492 Millionen Euro, darunter die Freie Universität (Budget: 461 Mio. Euro) , die Charité oben rechts (Budget: 386 Mio. Euro), darunter die Humboldt-Universität (Budget: 397 Mio. Euro). © Doreen Borsutzki

Auf der neuen Bühne der Berliner Wissenschaft dröhnt Techno. Der Historiker Gorch Pieken steht mit Daunenjacke und Bauarbeiterhelm im Lichthof des wiederaufgebauten Berliner Schlosses. Unter ihm löchriger Boden, über ihm Arbeiter auf Gerüsten. Die Fensterscheiben sind noch schlierig, doch Pieken hat alles schon genau vor Augen. Die Sichtachse zwischen diesem Ausstellungsort und der Humboldt-Universität. Die Archivalien aus 250 Jahren Wissenschaftsgeschichte, die hier bald an langen Schnüren von der Decke hängen sollen. Die beweglichen Bildschirme, auf denen Spitzenforschung gezeigt werden soll.

Anfang 2020 soll das Humboldt-Labor öffnen, der Kurator Gorch Pieken hofft auf drei Millionen Besucher jährlich. "Die meisten Menschen haben Schwellenangst – die würden niemals einfach so in eine Universität reinlaufen", sagt er. Aber sich mit dem Touristenstrom ins Humboldt-Labor treiben lassen, wo der Magenstein eines Dinosauriers ausliegt und der Klimawandel erklärt wird, kostenlos natürlich, das könnte klappen. Das Schloss in Berlin-Mitte, das manche lieben für seinen Prunk und andere verachten für sein Preußentum, wird nicht nur Ausstellungsort für die Berliner Museen sein. Auch die drei Universitäten der Stadt bekommen hier Raum, fast tausend Quadratmeter.

Das ist Berlin

Noch ist das Humboldt-Labor eine Baustelle, eine von vielen in Berlin. Irgendeine U-Bahn steht hier immer still, irgendeine Baugrube frisst Milliarden – ein Flughafen, ein Schloss, eine Oper. Berlin, die Stadt, in der visionäre Großprojekte an ihrem eigenen Ehrgeiz zerschellen. Doch viel spricht dafür, dass dieses Großprojekt wirklich gelingen könnte: eine große Bühne für die Forschung zu werden. Das Humboldt-Labor soll nur der sichtbarste Ort für dieses Vorhaben sein, die eigentliche Idee kommt aus den drei Universitäten der Stadt und der Charité, einer der größten Universitätskliniken Europas.

Zunächst die Humboldt-Universität (HU), die Ehrwürdige. Die mit den Gewährsmännern, Wilhelm und Alexander – eine Vorbilduniversität in aller Welt.

Die Technische Universität (TU), die Macherin. Weniger Feingeist, mehr Patente – eine Innovationsschmiede.

Die Freie Universität (FU), die Politische. Dutschke, die 68er, der Protest – ein intellektuelles Rückgrat des alten West-Berlins.

Und schließlich die Charité, die Heilerin. Zehrend vom Ruhm alter Zeiten (Robert Koch und Co.), inzwischen ein Hochleistungsbetrieb für die Medizinerausbildung.

Vor fast drei Jahren haben diese vier Institutionen beschlossen, sich offiziell zu vermählen, in gleichberechtigter Partnerschaft. In der sogenannten Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder treten sie gemeinsam an. Als Superquartett. Der Name: "Berlin University Alliance". Die Vision: Berlin soll die bedeutendste Wissenschaftsmetropole Deutschlands werden. Vielleicht sogar Europas, hoffen manche. Ob das gelingt, entscheidet sich in diesen Tagen.

In der ersten Förderlinie des mehrjährigen Wettbewerbs ging die Strategie schon auf – sieben gemeinsame Cluster hat Berlin eingeworben, mehr als jede andere Uni in Deutschland. Ein spektakulärer Erfolg, sagten die einen. Ein Ablenkungsmanöver, um die Schwäche der einzelnen Universitäten zu verschleiern, sagten die anderen. Umso bedeutender ist, wie die Berliner bei der zweiten Förderlinie abschneiden, in der es mehr um die Ehre als ums Geld geht. Wer hier siegt, ist Exzellenz-Uni.

Ein Tag im November 2018. Die Uni-Präsidenten treffen sich in einem Schöneberger Wohnzimmer und arbeiten an ihrem Antragstext. Es ist nur eines von vielen Treffen, seit zweieinhalb Jahren sitzen die Uni-Präsidenten immer wieder im kleinen Kreis zusammen, Sabine Kunst, Präsidentin der HU, Christian Thomsen, Präsident der TU, und eben Günter Ziegler von der FU, der zu sich nach Hause eingeladen hat. Sie haben eine Deadline, den 10. Dezember, und ihr gemeinsamer Antrag muss dringend fertig werden. 250 Seiten.

Ist der Verbund nur eine Notlösung? Oder, schlimmer noch – ein weiteres Berliner Chaosprojekt?

Einvernehmliches Kopfschütteln. Denn tatsächlich, da sind sich die drei einig, sei die gemeinsame Exzellenz-Bewerbung nur die logische Folge jahrelangen Zusammenwachsens.

Nirgendwo sonst in Deutschland ballen sich derart viele akademische Institutionen wie in Berlin, mehr als 40 Hochschulen, 70 Forschungseinrichtungen, 175 Museen.

Dass die Stadt so vielfältig ist – und unübersichtlich, oft dysfunktional –, war immer auch ihr Vorteil. "Die Berlin-Mentalität" nennt Sabine Kunst das: "Wer eine tolle Idee hat, der bekommt sie vom politischen System auch goutiert." Für die Wissenschaft gilt das in besonderem Maße. Sie braucht das Chaos, es fördert die Erkenntnissuche. Und die läuft in Berlin schon lange gemeinschaftlich. Kein Institut, das nicht mit dem Institut einer anderen Uni kooperiert. Promotionen werden hochschulübergreifend betreut. Professoren von HU, TU, FU arbeiten in gemeinsamen Sonderforschungsbereichen zusammen. In den Laboren, in den Bibliotheken der Stadt zählt weniger, wo die einzelne Forscherin angestellt ist, als welche Idee sie hat. Die passende Finanzierung wird sich in irgendeinem Topf schon finden.