Die Weltempfänger

Ohren sind nicht nur der Ort, an dem der Schall sich sammelt, sie sind auch eine Verbindung zu anderen Menschen

Das Ohr ist ein sinnliches Organ. Es kann Liebeslieder aus der Luft einfangen, nimmt Komplimente in Empfang, aber auch Beleidigungen. Es ist ein geduldiger Zuhörer, hört auch mal diskret weg oder erlauscht ausgerechnet das, was es nicht mitbekommen soll. Das Ohr ist unser Tor zur Welt. Es ist viel unbestechlicher als das Auge: Wir hören auch im Dunkeln und um Ecken herum. Der Hörsinn entsteht, bevor wir auf der Welt sind: Ab dem fünften Schwangerschaftsmonat nehmen Babys Geräusche wahr und lernen die Stimme ihrer Mutter kennen.

Ohren sind das einzige Sinnesorgan, das alle Säugetiere besitzen. Die ersten Lauscher in der Evolution waren aber bereits die Fische. Unsere "Gehörknöchelchen waren ursprünglich Teile der Kiefergelenke von Fischen und Reptilien", schreibt Thomas Sünder in seinem Buch Ganz Ohr. Es gebe Hinweise darauf, dass sich aus den Kiemendeckeln der ersten Amphibien das Trommelfell entwickelte. Wäre es nicht da, könnten wir durch die Ohren Luft einsaugen.

Es gibt sogar eine "Ohrigkeit": Die meisten Leute hören lieber mit dem rechten Ohr. Tendenziell können sie sprachliche Informationen auch besser aufnehmen, wenn sie sie mit rechts hören. Denn was im rechten Ohr ankommt, wird vor allem in der linken Hirnhälfte verarbeitet, und die ist spezialisiert auf Sprache. Allerdings gibt es auch Forscher, die sagen, dass wir uns gefühlvolle Wörter besser merken können, wenn sie uns ins linke Ohr geflüstert werden.

Wie wichtig Hören ist, zeigt sich, wenn das Vermögen nachlässt. Dann steigt das Risiko, zu stürzen, dement oder depressiv zu werden, man wird eher misstrauisch und gerät leichter in soziale Isolation. Es heißt: Nicht sehen trennt von den Dingen – nicht hören trennt von den Menschen. Es lohnt sich, früh mit Hörgeräten vorzubeugen.

Lärm kann krank machen

Bereits bei 40 Dezibel haben manche Menschen Probleme, sich zu konzentrieren – das ist in etwa so laut wie ein neuer Kühlschrank. Wer häufig von 60 Dezibel umgeben ist, hat ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer sich längerfristig Lärm aussetzt, der 80 Dezibel übersteigt – etwa an einer Hauptverkehrsstraße –, kann einen Hörschaden davontragen.

© Pia Bublies für ZEIT Doctor

Mit dem Alter gehen uns die hohen Töne verloren

Als Grund dafür gelten vor allem lärmbedingte Schäden an den Haarzellen im Innenohr. Die Folgen zeigt das Audiogramm, das die Frequenzen von Tief bis Hoch (x-Achse) sowie den Hörverlust in Dezibel (y-Achse) abbildet. Die Hörkurven verdeutlichen: Mit zunehmendem Alter müssen Töne immer lauter sein, damit wir sie noch wahrnehmen können. Auch die mittleren Frequenzen leiden – und damit das Sprachverständnis.

© Pia Bublies für ZEIT Doctor

Nach einer Studie der Deutschen Tinnitus-Liga hatten ...

Mehr als 18 Millionen Deutsche hatten schon mal Ohrgeräusche, etwa einen pfeifenden oder summenden, klingelnden oder piepsenden Ton im Ohr. Oft lässt dieser von allein nach. 2,7 Millionen Menschen leiden jedoch chronisch darunter. Häufig tritt ein Tinnitus (von lateinisch "tinnire", klingeln) bei Schwangeren auf – zu 25 Prozent. Auch da verschwindet das Geräusch nach der Geburt meist von selbst wieder.

© Pia Bublies für ZEIT Doctor

Wie stark fühlen sich Betroffene durch den Tinnitus beeinträchtigt?

© Pia Bublies für ZEIT Doctor

Ein Audiotest

Mit diesem Mini-Audiotest können Menschen ab dem 50. Lebensjahr selbst herausfinden, ob sie eine Hörminderung haben. Beantworten Sie spontan die Fragen. Sollten Sie eine Situation nicht kennen, versuchen Sie, sich eine ähnliche vorzustellen. Ab 2 Punkten (ab 50 Jahren) bzw. 3 Punkten (ab dem 60. Lebensjahr) sollten Sie einen HNO-Arzt aufsuchen.

© Pia Bublies für ZEIT Doctor