Es gibt eine neue Platte, ihre dreizehnte, "More Than a Feeling" heißt sie. Natürlich muss man Die Goldenen Zitronen bei Buback Tonträger treffen, dem eigenen Label, eingeklemmt in einem Hinterhof nahe dem Michel. Schorsch Kamerun kommt zuerst, mit dem Fahrrad, auf dem Kopf eine Pudelmütze. Ted Gaier folgt etwas später und trägt eine doppelreihige Generalsjacke, dazu eine ulkige Fellmütze. Seit 35 Jahren machen sie zusammen Musik, engagieren sich politisch, betreiben den Golden Pudel Club.

DIE ZEIT: Herr Kamerun, Herr Gaier, warum wohnen Sie noch auf St. Pauli?

Schorsch Kamerun: Muss man denn immer weg? Ich habe mal vier Jahre in München gelebt, dadurch hat sich mein Blick auf das Viertel und die Stadt verändert. Ich habe mich zurückgesehnt nach der breiten Szene, die miteinander kommuniziert und in bestimmten Momenten gemeinsam dasteht. Ob nun gegen Gentrifizierung oder bei anderen politischen Ereignissen.

Ted Gaier: Ich weiß nicht genau, wie man sich explizit als Berliner oder Hamburger fühlen kann. Wenn man so wie wir in bestimmten Szenen unterwegs ist, ist das doch alles eins.

ZEIT: Es gibt keine genuine Hamburger Szene mehr?

Gaier: Für uns gibt es eher Kämpfe, die mit Orten verknüpft sind. Das Gängeviertel, die Esso-Häuser. Es ist aber kein Zufall, dass sich die Lampedusa-Gruppe von Geflüchteten in Hamburg gegründet hat, auf St. Pauli. Da gibt es eine Infrastruktur für den politischen Kampf. Du kannst nicht in München aufschlagen und eine Kampagne für kollektives Bleiberecht starten, das würde nie funktionieren. Lampedusa konnte nur hier so eine Kraft entwickeln, so ein Symbol werden.

Kamerun: Wir sind verknüpft mit diesen Inseln, die immer kleiner werden.

ZEIT: Aber, mit Verlaub, eine subversive, widerständige Band wie die Goldenen Zitronen muss doch mehr wollen, als schrumpfende Inseln zu verwalten?

Gaier: Natürlich. Es braucht einen Mietstopp. Man müsste enteignen. Nur so ginge es.

Kamerun: Als wir nach St. Pauli kamen, gab es Räume und Lücken, in denen man experimentieren konnte. Heute musst du einen Businessplan vorlegen, wenn du eine leer stehende Fläche anmieten willst. Einen Pudel Club könnte man garantiert nicht mehr so aufmachen wie damals. Schlüssel in die Hand und los, Hauptsache, da passiert irgendetwas.

Gaier: Man sieht es am Molotow. Der Club entstand, weil es in den Esso-Häusern einen kleinen Keller gab, der gar nicht vom Architekten vorgesehen war und der sehr billig war. Daraus wurde ein Mythos. Das ist heute auch die letztgültige Chance für Läden, um auf St. Pauli zu überleben: dich zur Marke zu machen, eine Erzählung mitzuliefern, um Publikum zu kriegen. Beim Molotow hat die Kulturbehörde erkannt: Oha, da haben die White Stripes gespielt, das muss unter Naturschutz. Wenn aber heute die Stadt sagt: Liebe Clubbetreiber, wir zahlen eure Gema, damit euer Club überlebt, denn der gehört zum Markenangebot – dann macht die Kulturbehörde eine Transferleistung für das, was der freie Mietmarkt wegfrisst. Dann lieber enteignen und umschreiben!

Kamerun: Vieles von dem, was bei mir auf der Ecke aufmacht, ist nur noch für Leute von außerhalb gedacht. Nachbarschaft scheint gar nicht mehr zu existieren in diesen Plänen. Es kommen nur noch Safaris auf den Kiez: Anreise, komplettes Menü, noch einen Biowein auf der ehemals rauen Straße und wieder ab nach Hause ins Körbchen.

Gaier: Es sind entweder Ketten, die sich die Mieten auf St. Pauli noch leisten können. Oder individuelles, hochqualitatives Selbstverwirklichungszeug für den gut betuchten Citoyen. Genau das besingen wir übrigens auch im neuen Song Bleib bei mir.

ZEIT: Derzeit wird auf St. Pauli um den Otzenbunker gerungen. Etliche Bands haben ihre Proberäume verloren. Eine Initiative, der sich viele Künstler und Kreative angeschlossen haben, auch die Goldenen Zitronen, fordert nun von der Stadt, den Bunker zu kaufen und zu sanieren. Ganz schön brav, oder?

Kamerun: Wir unterstützen die Initiative, weil wir das grundsätzlich richtig finden. Aber ich komme mir dabei auch komisch vor, wenn ich vor dem Bunker stehe mit den anderen Musikern und authentisch glotze, damit der Fotograf sein prominentes Protestfoto kriegt.

Gaier: Die Frage ist doch, welche Logik man als naturgegeben begreift. Wenn man der Logik des Marktes folgt, bleibt man immer Bittsteller. Wenn man aber sagt: Äh, hallo, wir finden generell, dass Wohnraum gar keine Ware sein sollte, und wenn wir auf dieser Basis weiterargumentieren, dann lässt sich auch ganz anders protestieren.