Erinnert sich noch jemand an die Oscar-Verleihung des vergangenen Jahres? An all die Statements im Zeichen der #MeToo-Debatte? Der flammende Appell der Schauspielerin Frances McDormand an weibliche Filmschaffende, ihre Geschichten im Kino zu erzählen. Greta Gerwig, nominiert für die beste Regie, und Rachel Morrison als beste Kamerafrau. Oder auch die Beschreibung der Oscar-Statuette durch den Moderator Jimmy Kimmel: "Lässt seine Hände, wo man sie sehen kann, und hat keinen Penis. Wir brauchen mehr solche Männer in Hollywood!"

Was vor einem Jahr überschießend präsent war, ist in diesem Jahr auf erstaunliche Weise verpufft. Die Oscars 2019 waren bis auf wenige Ausnahmen eine gemütliche Männerveranstaltung – keine Frau in den Kategorien "Bester Film" und "Beste Regie". Gemütlich schaukelt auch Peter Farrellys Siegerfilm Green Book in einem mintfarbenen Cadillac dahin. Er handelt von einem schwarzen Pianisten und dessen italoamerikanischem Fahrer, die in den Sechzigerjahren gemeinsam durch den Süden der USA reisen.

Vielen Kritikern erschien die Figurenkonstellation, in der der Weiße angeb- lich zum Retter des Schwarzen werde, rassistisch konnotiert – tatsächlich aber lernen beide Helden voneinander. Green Book ist altmodisches amerikanisches Botschaftskino, in dem der Feelgood-Faktor der entstehenden Freundschaft die Zustände des amerikanischen Südens überlagert. Und so überzogen der Vorwurf des Rassismus sein mag: Dass von der vier Jahre zurückliegenden Kampagne #Oscarssowhite mehr geblieben ist als von der Frauenpower des letzten Jahres, zeigt auch der Jubel, mit dem die englischsprachige Presse jeden "schwarzen" Oscar begrüßte – insgesamt waren es sechs.

Angesichts dieser Feier der Diversität scheinen Debatten um ästhetische Vielfalt allerdings kaum mehr von Interesse zu sein. Tatsächlich waren die Erzählformen dieses Oscar-Jahrgangs – etwa unter den Nominierten für die beste Regie – so offen wie schon lange nicht mehr: von den melancholischen Film-noir-Tableaus des polnischen Regisseurs Paweł Pawlikowski in Cold War über die tiefenscharfen Schwarz-Weiß-Bilder des Mexikaners Alfonso Cuarón in Roma bis zur verzerrten Optik, mit der der Grieche Yorgos Lanthimos in seinem Kostümfilm The Favourite auf den Hof der britischen Queen Anne blickt.

Der Oscar des besten Films ist wohl weniger eine Entscheidung für Green Book als ein leises Erzittern der 9000 Academy-Mitglieder vor ebendieser Offenheit in Gestalt von Roma: schwarz-weiß, spanischsprachig, drei Stunden lang, mit einer indigenen Heldin und dann auch noch vom Streamingportal Netflix produziert – das war einfach zu viel.