Der höchste Berg, mit dem ich aufwuchs, war der Bungsberg in meiner Heimat Schleswig-Holstein, gut 160 Meter hoch. Im Urlaub schleppten mich meine Eltern immer an die Ostsee, die nah war, oder in den Süden, der warm war. Alles super – aber ich war trotzdem irre neidisch auf die Nachbarskinder, die im Winterurlaub zum Skifahren in die Alpen reisen konnten. Wintersport, Berge und Luxuswelt, das klang für mich dreifach exotisch.

Weil Eltern einem den Rucksack fürs Leben packen, verreiste ich auch später nach ihren Vorstellungen. Jetzt aber will ich einen dreitägigen Kurztrip in den Schnee machen – um zu sehen, worauf ich da eigentlich neidisch war. Ausgesucht habe ich mir eines der edelsten Skidörfer der Welt: Gstaad in der Schweiz ist so nobel, dass ich es mir nur leisten kann, wenn ich campe. Das wird sicher kalt – andererseits soll Wintercampen sogar im Trend liegen.

Auf dem Campingplatz Bellerive, gut 15 Fußminuten vom Dorfkern Gstaad entfernt, stehen 35 Campingwagen. Zwei davon kann man mieten. Bethli Kohli, die so wunderbares Schweizerdeutsch spricht, dass ich oft nachfragen muss, arbeitet seit 30 Jahren auf dem Bellerive. Sie zeigt mir meinen Camper: Das Vorzelt ist mit dicken Teppichen ausgelegt und mit kitschigen Naturfotos dekoriert. Ich denke: So stellen sich Omas Gemütlichkeit vor. Zeitlos hässlich, aber irgendwie warm und nostalgisch.

Insgeheim hatte ich wohl erwartet, dass in einem Nobelort auch Campen luxuriöser wäre, aber die Küchenzeile und die Hängeschränke sind vor allem rustikal. Unbezahlbar dagegen: der Ausblick aus der Schlafnische auf die Berge, auf den Wasserngrat.

Ich spaziere ins Dorf, das schon deutlich mehr hermacht. Wegen einer lokalen Bauverordnung dürfen sie in Gstaad nur sogenannte Chalets bauen, Häuser, die wie riesige Kuckucksuhrengehäuse aussehen. Im Dorfkern verläuft zwischen diesen Chalets, in denen es auch Läden von Louis Vuitton oder Ralph Lauren gibt, und Restaurants, in denen ein Glas Champagner 30 Euro kostet, exakt eine autofreie Straße: das lokale Flaniermeilchen. Hier hoffe ich, eine mir bisher unbekannte Spezies zu sehen, den reichen Winterurlauber.

Für den wurde Gstaad einst gebaut. Ende des 19. Jahrhunderts hatte ein Feuer fast den ganzen Ort vernichtet. Das Dorf versuchte, sich am jungen Wachstumsmarkt "Fremdenverkehr" neu aufzurichten. Aus Bauern wurden Skilehrer, Gastronomen und Hoteliers. 1913 eröffnete auf einem Hügel über dem Ort das Palace, ein Schlösschen mit Erkern und Zinnen, damals wie heute eines der besten Hotels der Welt.

Wer es sich leisten konnte, fuhr in den folgenden Jahrzehnten nach Gstaad. Die Schauspieler Elizabeth Taylor und Roger Moore kamen zum Skifahren, Dodi Al-Fayed tröstete Lady Di hier nach ihrer Scheidung, der Playboy Gunter Sachs hatte ein eigenes Chalet.

Heute aber kann ich, so sehr ich auch Ausschau halte, keine Reichen erkennen. Viele Luxustouristen sind wohl weniger prominent, das Geld ist gesichtslos geworden. Wer es hat, versteckt sich bei diesen Temperaturen außerdem im Pelzkragen, huscht durch die Straßen und flieht dann wieder ins warme Chalet.

Wer als Promi gesehen werden wolle, sagt Frau Kohli vom Campingplatz später, der fahre nach St. Moritz; wer seine Ruhe haben wolle, komme nach Gstaad. "Bei uns gibt es eine Redensart: Egal, ob jemand arm ist oder hundert Millionen hat – auf der Toilette stinken alle gleich."