DIE ZEIT: Herr Nooke, Sie sind nicht nur ein langjähriger Weggefährte von Angela Merkel und Afrika-Beauftragter der Bundeskanzlerin – sondern auch einer der letzten Bürgerrechtler, die noch in der Bundespolitik aktiv sind. Freut es Sie, dass zurzeit wieder oft von Ostdeutschland die Rede ist, von ostdeutschen Bedürfnissen?

Günter Nooke: Es verwundert mich eher, um ehrlich zu sein. Ich erinnere mich an ganz andere Zeiten. Zeiten, in denen man vom Osten am liebsten nicht redete. Als ich vor zwei Jahrzehnten, im Jahr 2000, Sprecher der ostdeutschen CDU-Abgeordneten wurde, habe ich das erlebt.

ZEIT: Was genau erlebten Sie da?

Nooke: Ich erhob Forderungen für die neuen Länder, aber das kam nicht bei allen gut an. Unter anderem bei so einigen in meiner Partei. Ich weiß noch, dass ich damals eine Rede im Bundestag hielt. Ich hatte einen Antrag namens "Im Osten was Neues" erarbeitet, es ging um den Aufbau Ost. Ganz selbstverständlich habe ich von Ostdeutschland gesprochen. Denn ich finde: Wer den Osten nicht benennt, der kann auch nichts für ihn fordern. Einen Tag später fuhr ich nach Thüringen zu einem Besuch beim damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel.

ZEIT: Was sagte der zu Ihnen?

Nooke: Bernhard Vogel bat mich, nicht diese "Ostkarte" zu ziehen. Er war der Meinung, dass wir sonst der Spaltung des Landes das Wort redeten. Nach dem Motto: Wir haben die Mauer überwunden, wir wollen jetzt die Einheit feiern, und die Unterschiede zwischen Sachsen und Bayern sind keine anderen als zwischen Schleswig-Holstein und Bayern.

ZEIT: Was haben Sie entgegnet?

Nooke: Ich war der Meinung, dass es Probleme gibt, die alle neuen Länder betreffen. Diese Probleme waren damals sogar noch offensichtlicher als heute. Es gab fast fünf Millionen Arbeitslose im Land, davon überproportional viele im Osten. Schon da war absehbar, dass die gebrochenen Erwerbsbiografien irgendwann einmal ein riesiges Rentenproblem darstellen werden. Dass die neuen Länder ihre Fürsprecher benötigen. Für mich hatte das nichts mit neuer Spaltung zu tun, sondern mit politischem Handwerk. Zu viele Positionen in den neuen Ländern wurden schon damals von Westdeutschen besetzt.

ZEIT: Wer außer Bernhard Vogel hatte noch ein Problem mit Ihrer Forderung nach Hilfe für den Osten?

Nooke: Der Zeitgeist war so. Keiner wollte die umbenannte Ostpartei PDS unterstützen, ich auch nicht. Manche waren von der Einheit so berauscht, dass sie sagten: Das dürfen wir auf keinen Fall gefährden, indem wir weiter in Ost und West unterscheiden. Ich kann mich auch erinnern, dass Helmut Kohl mich einmal für meinen Einsatz kritisiert hat. "Nehmen Sie sich ein Beispiel an Vera Lengsfeld", erklärte er mir.

ZEIT: Warum?

Nooke: Weil Frau Lengsfeld, die damals meiner Fraktion angehörte, vor allem die SED kritisierte – und für alles verantwortlich machte, was schieflief im Osten. Das war natürlich bequem. Kritik an der SED wollten die Westdeutschen hören, aber Kritik an der aktuellen Lage im Osten? Besser nicht. Dabei finde ich bis heute: Wenn man Wähler gewinnen will, muss man sich um sie kümmern. Viele Ostdeutsche sind in der DDR sozialisiert worden, haben Kindergeburtstage gefeiert und Urlaube gemacht, haben eigene Lebensgeschichten. Diese Art von Leben, das kann man nicht einfach abschneiden. Diktatur ist vor allem eine politische Erfahrung. Für die meisten Menschen wird der Alltag aber nicht zuerst und vor allem durch Politik bestimmt.

ZEIT: Die prägenden Nachwende-Ministerpräsidenten versuchten, jeweils eine starke regionale Identität zu schaffen. Kurt Biedenkopf schwärmte von seinem Sachsen, Bernhard Vogel von seinem Thüringen. Haben sich Ostdeutsche nach 1990 nicht genau das gewünscht: etwas anderes zu sein als die Ex-DDRler, die Ossis eben?

Nooke: Einige Jahre nach der Einheit verbreitete sich so eine Stimmung, ja. Nach dem Motto: Jetzt müssen wir uns hier im Osten mal selber sortieren, wir können nicht immer noch weitere Wünsche an den Westen formulieren. Das war ein Denkfehler. Die Bayern wären nie solch einem zweifelhaften Verhalten verfallen! Die reden deswegen so viel über Bayern, weil sie ständig Forderungen für sich erheben und diese damit auch durchsetzen. Heute brechen neue Konflikte zwischen Ost und West auf. Ich finde das ein bisschen frustrierend. Und ja, ich bin der Meinung: Vielleicht haben auch die aus Westdeutschland kommenden Ministerpräsidenten einen Anteil daran, dass nicht vor zwanzig Jahren in dieser Sache mehr erreicht wurde.