Vor zwei Wochen stellte Berlins Kultursenator Klaus Lederer gemeinsam mit dem Intendanten des Deutschen Theaters und Bühnenvereinspräsidenten Ulrich Khuon sowie Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin eine wichtige Broschüre vor. Ihr Titel lautet: Alles nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts. Die "Handreichung" genannte Publikation ist von der Mobilen Beratung erstellt worden, die ihrerseits vom Berliner Verein für Demokratische Kultur getragen wird. Die Broschüre soll Theatern Ratschläge im Umgang mit rechten Provokationen erteilen. Das Anliegen ist berechtigt, auch wenn die Broschüre den Terminus sehr weit fasst. So gehören zu den Vorkommnissen, gegen die es sich zu wappnen gelte, sowohl spontihafte Störmanöver bei Aufführungen und Diskussionsabenden als auch parlamentarische Versuche der AfD, Gelder für Bühnen zu streichen, oder anonyme Hassmails, die Vergewaltigungs- und Morddrohungen einschließen.

Über die Präsentation der Broschüre und ihre zweifellos ehrenwerte Absicht war in den Medien viel Lobendes zu lesen. Es liegt also nahe, sie sich genauer anzuschauen. Was steht in dieser Publikation eigentlich drin? Jedenfalls auch konkrete, intuitiv richtige und hilfreiche Ratschläge für Theatermacher. Leider werden diese erst ganz am Ende der 38-seitigen Schrift gegeben: "Selbstbewusst kommunizieren" solle man, "Gesprächspartner_innen nach eigenen Zielen auswählen", "nicht die Ruhe verlieren", "Haltung bewahren", sich "nicht das Wort nehmen lassen".

Dem ZEIT-Autor Ulrich Greiner wird unterstellt, er habe die "Erklärung 2018" unterzeichnet

Doch geht es in dieser Broschüre leider nur am Rande um "Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten" für Kulturschaffende. Es geht vor allem um eine "Positionsbestimmung von Kunst und Kultur". Aus diesem Grund wird zunächst ausgiebig die gesellschaftliche Gesamtlage analysiert, und dies auf bemerkenswerte Weise. Der beklagenswerte "Kulturkampf von rechts", lesen wir erstaunt, werde bereits in den Feuilletons des Landes geführt. Als Beleg dafür dient ein Artikel des ehemaligen Feuilleton-Chefs der ZEIT Jens Jessen, der sich gegen aus seiner Sicht allzu radikale, von der Gendertheorie inspirierte Ansichten der #MeToo-Bewegung positionierte. Inwiefern der Artikel zur rechten Mobilmachung beiträgt, der sich die Theater heute ausgesetzt sehen, wird hierbei nicht ersichtlich – außer man ist der Ansicht, jede Abweichung von dezidiert linker oder grüner Gesellschaftspolitik sei per se unter Verdacht zu stellen.

Wenig anders ergeht es dem ZEIT-Autor und ehemaligen ZEIT-Literaturchef Ulrich Greiner, der sich im Jahr 2013 kritisch, aber differenziert mit der Frage auseinandergesetzt hat, ob man alte Kinderbücher, in denen sich Begriffe finden, die heute als zweifelsfrei rassistisch wahrgenommen werden, nachträglich korrigieren soll. Er plädierte mit philologischen Argumenten dafür, die Originalfassungen nicht übereilt umzuschreiben – was bereits ausreicht, um ihn in der Broschüre zum Protagonisten des "Kulturkampfs von rechts" zu erklären. Wie denn überhaupt die Broschüre letztlich keinen Unterschied zwischen konservativen, liberalkonservativen, rechtsextremen, rassistischen, Gendertheorie-skeptischen oder rechtspopulistischen Positionen macht. Alles abseits der reinen Lehre, die hier vertreten wird, erscheint so als Vorstufe zur Nazi-Barbarei, was nicht nur historisch gesehen grober Unfug ist. Die Schrift ist beseelt von einer durchsichtigen Strategie, sich selbst gegen jede Kritik zu immunisieren (die könne dann ja auch wieder nur von irgendwie rechter oder rechtsradikaler und in jedem Fall illegitimer Seite kommen). Es wird ein Lagerdenken ganz alter Schule verbreitet, und man fragt sich unweigerlich, weshalb eine solche "Handreichung" für die Theater, die in Wahrheit eine ideologische Kampfschrift ist, nicht nur vom Berliner Senat, sondern auch vom Bundesfamilienministerium gefördert wird. Und weshalb es wünschenswert ist, etwas staatlich zu fördern, das mit einem derart grobschrotigen Begriff von "rechts" große Teile der Gesellschaft kurzerhand zum Feindbild erklärt.

Nun muss man wissen, dass die "Handreichung" in dieser Form derzeit gar nicht ausgeliefert werden darf. In ihr wurde nämlich fälschlicherweise behauptet, Ulrich Greiner habe im vergangenen Jahr die öffentlich heftig debattierte, zuwanderungskritische Erklärung 2018 unterzeichnet, die unter anderem der Schriftsteller Uwe Tellkamp, Thilo Sarrazin und Vera Lengsfeld initiiert hatten. Diese irrige Behauptung war zuvor von dem Journalisten Georg Diez in seinem Buch Das andere Land (2018) verbreitet worden. Greiner hat aus nachvollziehbaren Gründen gegenüber der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus wenige Tage nach der Präsentation eine Unterlassungserklärung erwirkt, weshalb die Broschüre nun korrigiert werden muss, bevor sie wieder unter die Theaterleute gebracht werden darf. Das Buch von Georg Diez darf in neueren Auflagen ebenfalls nur korrigiert erscheinen.

Dieser unglückliche Fehler wie auch der ideologische Überschuss der "Handreichung" sind vor allem deshalb zu bedauern, weil das Engagement gegen rechtsradikale Tendenzen beschädigt wird. Das Bundesfamilienministerium und das Land Berlin fördern die Mobile Beratung ja nicht umsonst mit über 800.000 Euro im Jahr. Die Kosten für den Druck und das Layout der "Handreichung" belaufen sich auf gut 4000 Euro, wie Bianca Klose, die Projektleiterin und Verantwortliche der Broschüre, in einer E-Mail mitteilt. Gerne hätten wir sie getroffen oder mit ihr telefoniert, um über die Publikation Näheres zu erfahren, auch um über sinnvolle und sinnlose Aktionen gegen rechtsextreme Aktivitäten zu sprechen, aber es heißt aus ihrem Büro, sie sei "in den kommenden zwei Wochen terminlich sehr stark eingebunden".

"Man muss schon sagen, was ist"

Man muss sich Ulrich Khuon, den Intendanten des Deutschen Theaters Berlin und Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, als ausgesucht besonnenen, auskunftsfreudigen Mann vorstellen. Khuon hat erlebt, wie Aktivisten der Identitären Bewegung 2016 eine Veranstaltung des Gorki-Theaters mit Margot Käßmann und dem Journalisten Jakob Augstein stürmten. Auf dem Vorplatz des Deutschen Theater störten sie 2018 eine Freiluft-Performance. Es häuften sich deutschlandweit Einschüchterungsversuche und Attacken aus rechten Kreisen, erzählt Khuon. Die Kulturszene biete sich dafür an, als ein per se öffentlichkeitswirksames Terrain. "Ich betreibe keinen Alarmismus", so Khuon, "aber man muss schon sagen, was ist."

Solange rechte Interventionen justiziabel sind, indem sie Aufführungen sprengen oder Gewalt ausüben, ist die Lage klar. "Die Gesetze reichen völlig aus", sagt Khuon. Heikler wird es, sobald die Demokratie mit demokratischen Mitteln bekämpft wird: mit Anzeigen wegen des "Verdachts der Beihilfe zu Ausländerstraftaten sowie des Verdachts der Untreue" (Kampnagel) oder der Verletzung von Persönlichkeitsrechten (Schaubühne Berlin), mit Meinungsmache über Social Media und vor allem – liebstes Instrument der AfD – mit Großen und Kleinen Anfragen an die Parlamente. Darin ist die Teilnahme der Punkband Slime am Hamburger Hafengeburtstag ebenso Gegenstand wie die Subventionen für den Berliner Friedrichstadt-Palast oder das Cottbuser Piccolo-Theater. Stets gibt es konkrete Anlässe: ein missliebiges Stück, Teilnehmer mit Flucht- oder Migrationshintergrund, Veranstaltungen zwischen Kunst, Sozialarbeit und politischer Agitation.

Der Intendant des Deutschen Theaters kritisiert die Handreichung

Folgt man Kulturpolitikern der AfD, hat der Staat viel zu lange seine Hand über eine linke, "versiffte" Szene gehalten und damit die Zerstörung der deutschen Identität befördert. AfD-Politiker treten stets als Anwälte einer um ihre Kultur betrogenen Nation auf. Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Gorki-Theaters, sieht in der Kulturpolitik der AfD eine "völkisch-nationale Ideologie" am Werk, "die es bereits vor 1933 gab". Sie habe aber "keine Angst vor der AfD, sondern vor dem Verhalten der anderen", sagt Langhoff. "Ich habe Sorge vor einer gesamtgesellschaftlichen Verschiebung, einem vorauseilenden Gehorsam, insbesondere bei den wertkonservativen und liberalen Kräften, aber auch im linken und progressiven Milieu."

Müssen die Theater tatsächlich vor weiten Teilen der Gesellschaft auf der Hut sein, wie es auch die "Handreichung" der Mobilen Beratung empfiehlt? Auf die Broschüre angesprochen zu werden ist Khuon sichtlich unangenehm. Er findet eine diplomatische Wendung, um sie zu charakterisieren: "Ich teile die Handlungsempfehlungen der Broschüre voll und ganz; bei der forcierten Analyse gibt es Differenzen. Eine offene Gesellschaft, die direkt neben der eigenen Position das Unheil wittert, steht in der Gefahr, nicht so offen zu sein, wie sie es behauptet."

Dieser eher einfachen Erkenntnis ist nicht viel hinzuzufügen. Allenfalls noch, dass ein Staat, der sich wehrhaft zeigen muss, mit seiner Förderung doch eine breite Bürgerschaft ansprechen sollte, statt Klientelpolitik zu betreiben. Eine liberale Demokratie, die jede Kritik an ihren Erscheinungen als Rechtsabweichung unter Verdacht stellt, setzt genau die Freiheit aufs Spiel, die sie mit allem Recht verteidigen will.