Ingrid König ist auf dem Weg in ihre alte Schule und redet sich dabei in Rage. 30 Jahre lang war sie an der Berthold-Otto-Grundschule in Griesheim-Mitte, eine S-Bahn-Station vom Frankfurter Hauptbahnhof entfernt. Erst als Lehrerin, dann als Rektorin. Vor zwei Wochen hatte sie ihren letzten Schultag. Sie muss jetzt noch einiges loswerden, will von scheiternder Integration erzählen, von Lehrern am Rande der Belastbarkeit, die zu dem, was sie eigentlich tun sollten, nämlich unterrichten, kaum mehr kommen.

Sie hat ein Buch darüber geschrieben, es erscheint diese Woche im Penguin Verlag. Es heißt Schule vor dem Kollaps. Eine Schulleiterin über Integration. Sie wollte eigentlich kein ganzes Buch schreiben, erzählt sie, auch noch neben ihrer Arbeit, aber nachdem sie bei einer Fernsehdiskussion mit Angela Merkel über die Herausforderungen in Schulen gesprochen hatte, kamen gleich drei Verlage auf sie zu. Das Thema hat Konjunktur.

Klartext, Frau Merkel! lautete der Titel der ZDF-Sendung vor der Bundestagswahl im Herbst 2017. Bürger sollten dabei zu Wort kommen. Ingrid König sagte, sie habe Zweifel, ob das klappe mit der Integration. An ihrer Schule seien 21 verschiedene Nationalitäten. Es gebe große Schwierigkeiten, aber man könne sie nicht benennen, ohne gleich als rassistisch und islamfeindlich zu gelten. Die Kanzlerin hat sie daraufhin nach Berlin eingeladen, gemeinsam mit 50 weiteren Lehrerinnen und Lehrern aus Hessen und Berlin, um über Integration an Schulen zu sprechen.

Also, Frau König, noch einmal Klartext, was läuft schief? Und Ingrid König, 65 Jahre alt, flinke Bewegungen, ausdauernde Rednerin, legt los: Von den 275 Schülern der Berthold-Otto-Schule haben neun keinen Migrationshintergrund. Das Deutsch der meisten Kinder reicht in den ersten Klassen kaum für normale Unterrichtsgespräche. Was sie früher mit Zweitklässlern durchgenommen hat, schaffen heute Viertklässler nur mit Mühe. Sie erzählt von Eltern, die kein Deutsch verstehen, von aufwendigen Terminen, für die Dolmetscher bestellt werden und die am Ende nicht zustande kommen, weil die Eltern nicht auftauchen. Von Kindern, die tagelang, manchmal wochenlang oder sogar monatelang nicht in der Schule erscheinen. Von Kindern und Eltern, für die Heimat nicht Deutschland, sondern die Türkei ist. Sie erzählt von einer Erosion der Werte, mangelnder Höflichkeit und Toleranz. Von Lehrern, die sich statt um Bildung um Erziehung kümmern, die als Förderlehrer und Sozialarbeiter fungieren müssen, ohne dafür ausgebildet zu sein. Und zu alldem der große Lehrermangel. Vor allem in Grundschulen in schwierigen Vierteln bleibt manche Stelle unbesetzt.

Es ist eine Lagebeschreibung, wie man sie aus vielen Brennpunktschulen hört.

Griesheim-Mitte ist eingekeilt zwischen einer S-Bahn-Linie, der Autobahn A 5 und der vierspurigen Mainzer Landstraße. Drei- bis fünfstöckige Wohnriegel, satellitenschüsselverziert. Kein Gymnasium, keine Gesamtschule, die Abitur anbietet. Hohe Arbeitslosigkeit, hoher Migrantenanteil, bildungsferne Elternhäuser. Wer es schafft, verlässt das Viertel, darunter auch viele Einwandererfamilien. Ein maßgeschneiderter Brennpunkt, sagt Frau König, während sie durch das Einzugsgebiet ihrer Schule führt.

Noch vor 20 Jahren habe es eine größere Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft unter den Einwandererfamilien gegeben, erzählt die Rektorin. Kinder wie Eltern seien integrationswilliger gewesen.

Etwas irritierend sind die "Man darf es ja nicht sagen"-Wiederholungen

Kurz vor der Schule kommt ihr eine junge Mutter entgegen, sie schiebt einen Buggy, trägt Kopftuch, dazu einen Gesichtsschleier. "Schon wieder eine", sagt König. Und erzählt von zwei verschleierten Müttern, die sich bei ihr darüber beschwerten, dass ihnen der Sportlehrer die Hand geben wollte. Man gelte ja schnell als ausländerfeindlich, als islamfeindlich, wenn man da was kritisiere, sagt sie, und werde gar nicht erst gehört. Sie sei nicht islamfeindlich, sie habe selbst zwei Jahre in einem islamischen Land gelebt, im Sultanat Brunei. Aber sie habe es in Griesheim eben so erlebt: Die Konservativen und die, die den Islam radikaler interpretieren, würden immer prägender. Kopftücher in der Grundschule sah sie früher nie, heute komme es öfter vor. Neu sind auch die religiösen "Was ist verboten, was ist erlaubt"-Diskussionen. Drittklässler, die zu anderen sagen: Wenn du Gummibärchen isst, bist du kein Muslim (weil in der Gelatine Schwein verarbeitet wird). Früher hörte sie auch nicht, dass eine Grundschülerin zu einer Lehrerin sagt: Ich hab dich ja so lieb, aber leider gehst du einmal ins Feuer, weil du keine Muslimin bist.