Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Vor einigen Jahren zappte ich mich spätabends durch das Fernsehprogramm. Bei einer Talkshow des SWR blieb ich hängen. Ich hatte noch nicht das Thema der Sendung herausgefunden, als eine Dame das Wort ergriff, die aussah, als sei sie die kleine Schwester von Friede Springer. Wie der Sender per Einblende verriet, war sie allerdings Pfarrersfrau und nicht Konzernerbin. Sie müsse sich nicht vorwerfen lassen, dass sie prüde sei, echauffierte die Dame sich. Schließlich sei sie seit Langem verheiratet und vierfache Mutter.

Wenn es, wie in den letzten Tagen und Wochen, mal wieder ausführlich um Anspruch und Wirklichkeit katholischer Sexualmoral geht, denke ich an das Selbstverständnis dieser Frau und was es über Protestanten und Sex aussagt. Gerne weisen evangelische Christen darauf hin, dass der eigene Klerus – im Vergleich zu dem der katholischen Schwesterkirche – heiraten und Kinder zeugen darf. Es ist, guckt man sich landauf, landab die riesigen Pfarrhäuser an, schon fast eher ein Muss. Doch entspannt und lebensdienlich ist das Verhältnis der evangelischen Kirche zur Sexualität deshalb noch nicht.

Für die einen besteht kein Zusammenhang zwischen Spiritualität und Sexualität, weshalb ihnen für Letztere "anything goes" gilt. Den anderen dient die Bibel als Richtschnur für ein gottgefälliges Liebesleben. Nicht nur katholische Würdenträger, sondern auch ein Teil des evangelischen Spektrums sieht in der monogamen Hetero-Ehe den einzig legitimen Ort für das Erleben von Sexualität. Manche werden damit glücklich, etliche scheitern an diesem Ideal und werden frustriert und schamhaft.

Ich vermisse in der evangelischen Kirche einen Diskurs über verantwortungsbewusste und erfüllende Sexualität. Gott schuf uns eben nicht nur als vernunftbegabte Wesen, sondern auch unser Begehren und unsere Leidenschaft. In Studium und Vikariat kam die Auseinandersetzung damit nicht vor. Das ist halb so wild, ich kann mich selbst informieren und austauschen. Aber mit Konfirmanden, die sich gern mit stimmbrüchiger Stimme vermeintlich obszöne Passagen aus dem Hohenlied der Liebe zugrölen, könnte man über sich ändernde Gefühle, sexuelle Identität und eigene Grenzen sprechen. Und wenn es Gemeindeveranstaltungen zur Patientenverfügung oder Einbruchsprävention (kein Witz!) gibt, warum nicht mal einen Abend zu Sexualität im Alter?

Ein offener und differenzierter Umgang mit Sex ist auch ein wichtiger Schritt, um Missbrauch in der Kirche zu verhindern. Außerdem böte er eine Grundlage für das Ringen um aktuelle ethische Fragen, von Schwangerschaftsabbruch bis Reproduktionsmedizin. Ich wünsche mir eine Debatte, in der besagte vierfache Mutter und Pfarrfrau zu Wort kommt, aber eben auch die Christen, die sich mit ihrer Art, Sexualität zu leben, nicht in eine Talkshow trauen würden.