Keiner Nation untertan – Seite 1

Es ist eine Vision, die in alle Welt ausstrahlt und Hunderte dazu bewegt, 1919 den Weg nach Paris anzutreten. Nichts Geringeres als ein "Selbstbestimmungsrecht der Völker" hat US-Präsident Woodrow Wilson während des Krieges in Aussicht gestellt, eine Neuordnung der Welt. Nun, hoffen viele, ist der Moment gekommen, in dem die Vision Wirklichkeit wird, unter ihnen die Eliten kolonialisierter und marginalisierter Ethnien.

Die Enttäuschung ist groß, als sich zeigt, dass die Pariser Friedenskonferenz nicht halten kann, was der amerikanische Präsident versprochen hat. Als im Januar 1920 der von Wilson angeregte Völkerbund ins Leben tritt, bietet sich jedoch die reale Möglichkeit, mit einer antikolonialen Agenda vor einem internationalen Forum Gehör zu finden. Und nicht nur in Asien oder Afrika regt sich Widerstand gegen Fremdbestimmung und Unterdrückung – auch im Norden Amerikas.

Nach allen Regeln der Kunst nutzen hier die irokesischen Six Nations die neuen Wege, die Wilson eröffnet hat, und ersuchen den Völkerbund in Genf darum, als unabhängiger Staat in die Weltgemeinschaft aufgenommen zu werden. Erstmals versucht damit eine Gruppe nordamerikanischer Ureinwohner, ihr Recht auf Selbstbestimmung vor einer internationalen Organisation durchzusetzen.

Die im südwestlichen Ontario beheimateten Six Nations bilden damals längst ein invisible country, ein "unsichtbares Land", wie es der US-Journalist Joshua Keating nennt – ein indigenes Gemeinwesen, das über entscheidende Merkmale eines Staates wie ein Territorium, eine permanente, wenn auch kleine Bevölkerung, ein funktionsfähiges Regierungssystem und sogar über einen Gründungsmythos verfügt.

Haudenosaunee, "Volk des Langhauses", nennen sich die Six Nations der Irokesen selbst; seit Menschengedenken siedeln sie im weitläufigen Waldland zwischen dem Eriesee und dem Hudson River. Lange vor der Ankunft der ersten Franzosen, Niederländer und Engländer haben sich Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca hier zur Konföderation der Five Nations vereinigt; 1722 treten als sechstes Mitglied die Tuscarora bei.

Während sich Frankreich und Großbritannien zwischen 1689 und 1763 vier Kriege um die Vorherrschaft in Nordamerika liefern, gelingt es der Irokesen-Liga, sich ihre Freiheit zu bewahren. Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg aber bringt die Six Nations wenig später an den Rand des Untergangs. Oneida und Tuscarora kämpfen für die Sache der 13 abtrünnigen Kolonien; Mohawk, Cayuga, Seneca und Onondaga stehen auf der Seite der Briten. 1779 befiehlt George Washington, 40 ihrer Dörfer samt Maisfeldern, Obstbäumen und Vorratsspeichern in Schutt und Asche zu legen. Damit ist die Lebensgrundlage von vier der sechs Nationen zerstört.

Als im Frühjahr 1783 der zwischen den USA und dem British Empire geschlossene Pariser Friedensvertrag unter den Haudenosaunee bekannt wird, ist ihre Enttäuschung mit Händen zu greifen. Die britische Krone hat das ehemalige Siedlungsgebiet der Irokesen an die USA abgetreten. Als Entschädigung bewilligt London ihnen im südlichen Ontario ein Ersatzgebiet. Dieses Land, heißt es, solle die Six Nations "auf alle Zeiten erfreuen".

Im dezentral organisierten British Empire genießen sie zunächst ein hohes Maß an Selbstverwaltung. Um 1830 aber geht London dazu über, die First Nations Schritt für Schritt zu "entindianisieren". Eine Politik, die sich verschärft, als 1867 das Dominion Kanada gegründet wird, die erste selbstverwaltete Kolonie innerhalb des Empire. Der 1876 verabschiedete Indian Act unterstellt die First Nations nun der Vormundschaft des Department of Indian Affairs. Die als "primitiv", "rückständig" und "minderwertig" angesehenen "Wilden" sollen in die Mehrheitsgesellschaft eingeschmolzen werden – freiwillig, wenn möglich; zwangsweise, wenn nötig.

Die Behörden verbieten zu diesem Zweck die traditionellen Tänze und Zeremonien, nehmen Kinder aus den Familien und stecken sie in Internate. Jedem erwachsenen Indianer, der die staatlichen Schulen durchlaufen hat, gut Englisch oder Französisch spricht, ohne Schulden ist und als "moralisch einwandfrei" gilt, winken Staatsbürgerschaft und Wahlrecht – als Prämie gewissermaßen. Tatsächlich sollen die First Nations durch einen von Staats wegen betriebenen Ethnozid als distinkte Ethnien kulturell ausgelöscht werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg forciert die Regierung diese Politik stärker denn je. Eine Novelle zum Indian Act erlaubt es nun, die Angehörigen der First Nations gegen ihren Willen zu kanadischen Staatsbürgern zu machen. Ein weiteres Gesetz ermöglicht es, die indianischen Selbstverwaltungsgremien zu entmachten. Nach wie vor aber wollen die meisten Six-Nations-Irokesen weder Kanadier werden noch auf ihr altes Ratssystem verzichten: Sie lehnen es ab, Untertanen irgendeiner fremden Nation zu sein.

Auch in London bleiben die Türen verschlossen

1920 startet deshalb eine Gruppe von Chiefs eine Kampagne für die verbrieften Rechte der Irokesen – angeführt von einem Mann namens Levi General, der als Chief Deskaheh internationale Bekanntheit erlangen wird.

Zunächst fordern sie vor dem Unterhaus in Ottawa, den Sonderstatus des Grand River Territory unangetastet zu lassen. Auch dem britischen Generalgouverneur überreichen sie eine entsprechende Petition (noch ist Kanada nicht gänzlich unabhängig vom Empire). Doch hier wie dort beißen sie auf Granit. Als Sprecher des Six-Nations-Rates tritt Levi General daraufhin die Reise nach London an. Er ist entschlossen, die Sache der Irokesen vor eine größere Öffentlichkeit zu bringen.

1873 geboren und Farmer von Beruf, hat er nie eine höhere Schule besucht. Doch er beherrscht alle irokesischen Sprachen, verfügt über herausragende rhetorische Fähigkeiten und diplomatisches Geschick. 1917 mit dem Ehrentitel "Deskaheh" ausgezeichnet, besetzt er fortan einen von 50 erblichen Sitzen im Rat der Irokesen-Konföderation. Als Traditionalist folgt er zwar der Longhouse-Religion, doch besitzt er kein geschlossenes antimodernes Weltbild. Um die Sache der Six Nations voranzubringen, scheut er sich nicht, mit Anzug, Krawatte und Hut aufzutreten, mit Schiff und Eisenbahn zu reisen und einen Rechtsbeistand zu engagieren – George Decker, einen Anwalt aus Rochester, der sich für die Six Nations einsetzt.

Decker ist es auch, der den Chiefs empfiehlt, ihre Sache im Vereinigten Königreich weiterzuverfolgen. Und der sie ermutigt, mit selbst ausgefertigten Pässen aufzubrechen, solange das Department of Indian Affairs verhindert, dass Angehörige der Six Nations Reisepapiere ausgestellt bekommen.

Im Sommer 1921 erreicht die kleine irokesische Delegation mit ihren selbst ausgestellten Pässen tatsächlich die britische Hauptstadt. Deskaheh will König Georg V. und Kolonialminister Winston Churchill die Forderungen der Six Nations vortragen – in der Hoffnung, bei den "alten und treuen Alliierten" mehr Gehör zu finden als bei den neuen Herren in Kanada. Doch auch in London bleiben die Türen verschlossen. Kolonialminister Churchill betrachtet den Konflikt als innerkanadische Angelegenheit. Er lässt die an ihn gerichtete Eingabe dem Generalgouverneur in Ottawa zuschicken, wohl in der Absicht, die Sache endgültig zu begraben.

Nach diesem Fehlschlag denkt keine Konfliktpartei mehr an ein Nachgeben. Im September 1922 bringt Deskaheh eine klare Mehrheit im Rat dazu, die volle Unabhängigkeit der Six Nations anzustreben. Vor dem Ratsgebäude in Ohsweken lässt er den Union Jack einholen und stattdessen eine eigene Flagge hissen, die dem alten Hiawatha Belt nachempfunden ist. Hiawatha war der legendäre Mitbegründer der Irokesen-Konföderation. Das Hissen der Fahne zeigt unmissverständlich den Bruch mit dem Empire an.

Kurz darauf eskaliert der Konflikt: Im Dezember 1922 führt die Royal Canadian Mounted Police eine Razzia im Land der Six Nations durch, um zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate gegen illegale Schnapsbrennereien und angebliche Whiskeyverkäufe vorzugehen. Es kommt zu Hausdurchsuchungen, Verhaftungen – und zu einem kurzen Schusswechsel. Deskaheh und seine Anhänger nehmen die Razzia als feindlichen Akt, ja als militärische Invasion wahr. Machtlos müssen sie mitansehen, wie eine Polizeistation in Ohsweken errichtet wird. In ihren Augen werden sie dadurch zu einer "besetzten Nation". Der Irokesen-Rat sieht jetzt nur noch einen Ausweg: sich an den zwei Jahre zuvor gegründeten Völkerbund zu wenden.

Noch im Dezember reisen Deskaheh, George Decker und der Ratssekretär nach Washington, D. C., um den niederländischen Gesandten aufzusuchen. Bei ihm hofft man auf Fürsprache, hatten die Haudenosaunee und die Niederländer doch schon im 17. Jahrhundert friedliche Beziehungen gepflegt, als Letztere im Tal des Hudson River die erste Pelzhandelsstation gründeten. Während der Audienz überreichen sie ein wohlformuliertes Schriftstück, in dem sie sich bitter über die Ereignisse der zurückliegenden Wochen beklagen.

Der niederländische Gesandte bringt das Dokument rasch seiner Regierung in Den Haag zur Kenntnis. Dort nimmt sich Außenminister Herman Adriaan van Karnebeek, der 1921/22 der Völkerbundversammlung präsidiert hat, der Sache an. Ende April 1923 lässt er die Bittschrift Sir Eric Drummond zukommen, dem Generalsekretär des Völkerbundes. Ein wichtiger Schritt, denn die Gremien des Völkerbundes können sich nur dann mit einem Problem befassen, wenn ein Mitgliedsstaat dies unterstützt.

Die Briten und Kanadier sind über die niederländische Schützenhilfe entsprechend verärgert. Das britische Außenministerium erklärt, es sei absolut unerwünscht, dass Den Haag eine "unzufriedene Gemeinschaft" denken lasse, sie könne ein "Heilmittel gegen die Regierung ihres eigenen Landes" finden, indem sie an den Völkerbund appelliere. Eine solche Praxis könne die Niederlande als Kolonialmacht selbst in die Bredouille bringen, wenn sie von ihren "ostindischen Untertanen" demnächst vor dem Völkerbund beschuldigt würden. Diese Drohung lässt die Niederländer einknicken: Sie ziehen ihre Unterstützung zurück.

Deskaheh setzt seine Lobbyarbeit unbeirrt fort

In der Zwischenzeit hat der Irokesen-Rat eine diplomatische Mission nach Genf vorbereitet und dafür eine Anleihe in Höhe von 10.000 Dollar aufgelegt. Anfang August trifft Deskaheh in Genf ein, bezieht im Hotel des Familles Quartier und richtet dort ein Büro ein. Er will beim Völkerbund auch ohne Hilfe der Niederländer sein Glück versuchen. Ein hindernisreiches Unterfangen. 16 Monate lang bleibt er in der Stadt.

Gleich sein erstes Memorandum richtet Deskaheh an den Generalsekretär Eric Drummond. Darin wiederholt er das Argument, dass die Six Nations seit Jahrhunderten "sich selbst regierende Völker" seien – und fügt neu hinzu, dass diese sich im ältesten Völkerbund der Welt vereinigt hätten, um den Frieden zu wahren. Ihr Status als unabhängiger Staat sei in mehreren Verträgen mit den früheren Kolonialmächten – den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien – anerkannt worden. Es ist eine glänzend argumentierende Eingabe. Doch Drummond reagiert nicht, denn niemand kann sich direkt an den Völkerbund wenden.

Deskaheh sucht daher neue Verbündete. Und findet sie: Irland, Panama, Estland und Persien springen ihm bei, allesamt Staaten, die ein schwieriges Verhältnis zum British Empire haben oder erst unlängst unabhängig geworden sind. Am 27. September 1923 beantragen sie beim schwedischen Ministerpräsidenten Hjalmar Branting, dem Vorsitzenden der laufenden Völkerbundversammlung, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Ein Etappensieg. Allerdings weist Branting darauf hin, dass die Angelegenheit nur nach einem entsprechenden Beschluss in Genf vor den Rat des Völkerbundes in Paris gebracht werden könne und dass die aktuelle Sitzungsperiode dafür nicht mehr ausreiche. Damit ist die Sache vertagt – auf die nächste Völkerbundversammlung im März 1924.

Deskaheh setzt seine Lobbyarbeit unbeirrt fort. Er tut alles, um die Unabhängigkeitsbewegung der Six Nations bekannt zu machen. Rasch knüpft sich in Genf ein Solidaritätsnetz um ihn. Im Herbst 1923 tourt er durch die Schweiz und hält gut besuchte Vorträge. Mehr und mehr Europäer sympathisieren mit dem "Freiheitskampf der Irokesen". Deskaheh reist sogar nach Paris, um die Mitglieder des Völkerbundrates vor dem Rathaus abzufangen. Einige Delegierte verwickelt er in Gespräche und steckt ihnen seine Visitenkarte zu. Die ungewöhnliche Aktion schafft es bis in die New York Times. Der Indianerhäuptling, ist dort zu lesen, sei "auf dem Kriegspfad", ganz wie seine Vorfahren.

Die Kampagne gipfelt in einer kurz vor der Völkerbundversammlung im März 1924 veröffentlichten Denkschrift mit dem Titel The Redman’s Appeal for Justice – "Der Ruf des Roten Mannes nach Gerechtigkeit". So leidenschaftlich wie juristisch stringent fassen die Six Nations darin ihre Forderungen zusammen.

Aber es hilft alles nichts: Hinter den Kulissen formiert sich längst eine Gegenfront, mit Kanada in der ersten Reihe, tatkräftig unterstützt von der Regierung in London und von hohen Offiziellen des Völkerbunds, die das Problem vom Tisch haben wollen. Zum entscheidenden Schlag holt das von dem Labour-Politiker Ramsay MacDonald geführte britische Außenministerium aus: Es lässt den Regierungen von Irland, Panama, Estland und Persien ausrichten, dass das Empire ihr Eintreten für die irokesische Sache als "impertinente Einmischung" von "kleineren Mächten" in seine inneren Angelegenheiten betrachte. Die vier Staaten ziehen ihren Antrag daraufhin zurück – und versetzen der irokesischen Unabhängigkeitsforderung damit den Todesstoß. Das geheiligte Prinzip der Nichteinmischung triumphiert über das Selbstbestimmungsrecht der Six Nations.

Deskaheh verlässt Genf Anfang 1925, enttäuscht über die Gleichgültigkeit der Staatengemeinschaft. Kanada verweigert ihm die Einreise, sodass er die letzten Monate seines Lebens im Exil bei Freunden im Bundesstaat New York verbringen muss. Er stirbt am 27. Juni 1925, nur 52 Jahre alt, an einer chronischen Lungenerkrankung. Erst als Toter darf er ins Grand River Country zurückkehren. Viele Hundert Indianer reisen aus Kanada und den USA an, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Durch sein Engagement in Ottawa, London, Genf und Paris ist Deskaheh zu einem Pionier der indigenen Selbstbestimmungsbewegung geworden. Innerhalb der indigenen Gemeinschaften der USA und Kanadas ist er unvergessen.

Die Irokesen verstehen sich bis heute als souveräne Nation. Sie haben eine eigene Flagge und ein eigenes Lacrosse-Nationalteam. Und bis zur Verschärfung der Kontrollen nach den Anschlägen vom 11. September versuchten sie auch immer wieder, internationale Grenzen mit ihren Haudenosaunee-Pässen zu überschreiten – so wie Chief Deskaheh auf seiner Reise nach Europa vor bald 100 Jahren.