Wenn berühmte Menschen sterben, werden oft nur die dümmsten und sinnlosesten Zitate von ihnen verbreitet. So ist das auch beim unlängst verstorbenen Karl Lagerfeld. Folgenden Satz konnte man überall rauf und runter hören (und lesen): "Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren."

Lagerfeld äußerte den Satz 2012 bei Lanz. Aber er ist viel älter. Der Komiker Jerry Seinfeld hat das Gleiche sinngemäß schon 1993 in seiner Serie Seinfeld gesagt. Da taucht die Figur des George in Jogginghose in Jerrys Apartment auf, und Seinfeld erklärt ihm: "You know the message you’re sending out to the world with these sweatpants? You’re telling the world, 'I give up. I can’t compete in normal society. I’m miserable, so I might as well be comfortable.'" Das macht den Satz besser – aber nicht viel.

Denn in Wahrheit ist die Jogginghose natürlich ein edles Kleidungsstück, getragen von Helden.

Beispielsweise Jesse Owens, der im US-Trainingsanzug auf dem Siegertreppchen der Olympischen Spiele 1936 in Berlin stand. Vor den Wettkämpfen hatte er erklärt, drei Medaillen gewinnen zu wollen. Am Ende holte er vor den Augen Hitlers vier. Diesem Mann würde man doch nicht vorwerfen, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben. Oder?

Sport zählt nicht? Na gut. Niemals würde man sich trauen, in den Siebzigerjahren den Männern und Frauen in der Bronx oder Queens zu sagen, sie hätten die Kontrolle über ihr Leben verloren, nur weil sie in Trainingsanzügen tanzten. Rap und Breakdance wurden ja eben erst erfunden, als Ersatzhandlung, um die Kontrolle über die Straßen wiederzuerlangen, auf denen sich Gangs lange und blutig bekämpften.

Und dreimal hätte man es sich überlegt, Bruce Lee zu sagen, er habe die Kontrolle verloren. Der Kampfkünstler und Schauspieler trug in Filmen und im Leben gerne Trainingsanzug. Laut seiner Tochter, weil er zu jeder Zeit bereit sein wollte zu trainieren. Und wenn man an Bruce Lees gelben Overall aus Game of Death denkt, ist man schnell bei der von Uma Thurman gespielten Braut aus Tarantinos Kill Bill. Käme man der mit dem blöden Lagerfeld-Zitat, sie würde einen wahrscheinlich mit ihrem Hattori-Hanzo-Schwert zersäbeln. Und das zu Recht.

Und wenn wir schon in der Fiktion sind: Dem dicken, Zigarre rauchenden Tony Soprano würde ich auch eher nicht sagen, er habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Sonst würde er wohl die Kontrolle über mein Leben übernehmen und zu dem Schluss kommen, dass es irgendwie stört. Und der fette Handlanger, der meine Reste auf irgendeiner Müllkippe in New Jersey entsorgt, würde mit Sicherheit auch Jogginghose tragen.

Kanye West, ebenfalls ein berühmter Jogginghosenträger, könnte man sogar unterstellen, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben. Aber Yeezy wäre das bestimmt egal, weil er ein Genie ist. Nach eigener Aussage hat er nämlich die lederne Jogginghose erfunden und die Idee schon vor Jahren dem Modelabel Fendi angeboten. Die wollten sie jedoch nicht. Wissen Sie, welcher berühmte Modeschöpfer mit Fendi zusammenarbeitete? Richtig. Lagerfeld. Zufall? Eher nicht.

Ich würde niemandem vorwerfen, dass er Jogginghose trägt. Auch nicht im Büro. Eine Gesellschaft, die unter Arbeit versteht, sieben Stunden vor einem Computer zu sitzen, darf keine Ansprüche an Beinkleidung stellen.

Ansonsten halte ich es mit dem Song Sweatpants von Childish Gambino, in dem es darum geht, Geld zu haben und zu tun, was man will. Die titelgebende Jogginghose wird darin nie erwähnt. Auf die Frage, warum der Song denn so heiße, sagte Gambino: "Reiche Leute tragen, was sie wollen."

In anderen Worten: Wer die Kontrolle über sein Leben hat, dem ist es egal, was andere über ihn denken. Auch wenn die anderen Chefdesigner von Chanel sind. R. I. P., Karl .