Jeder Katholik hat eine innere Kirche, eine ideale Vorstellung von Gott, Glaube und gelebtem Christentum. Diese innere Kirche ist sein Schutz, sein Dach, ein Teil seiner selbst. Deshalb verteidigt er sie so lange wie möglich. Doch um sich und seine Kirche nicht zu verlieren, muss der Katholik sein Ideal gespiegelt sehen in der Welt und im real existierenden Katholizismus. Dass sich der Katholik dabei oft reibt an der Institution, gehört zur katholischen DNA dazu.

Die Institution ist dem Katholiken Obdach, Heimat, Identität, auch und gerade, wenn er sich über sie ärgert und bisweilen an deren Vertretern verzweifelt. Vielen Enttäuschungen zum Trotz bleibt der Katholik deshalb der Kirche treu. Schließlich sieht er in der Kirche, wie sie ist, immer auch die Kirche, wie sie sein könnte. Das lässt ihn hoffen und glauben. Doch manchmal braucht es nur einen Funken, ein Wort, eine Rede, und die innere Kirche, die der Katholik meinte ein Leben lang schützen und bewahren zu können, steht lichterloh in Flammen. Papst Franziskus hat zum Abschluss der Missbrauchskonferenz in Rom eine solche Rede gehalten.

Bereits zuvor hatte der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer gewarnt, die Treuesten der Treuen könnten gehen, wenn von Rom kein Zeichen ausgehen werde der Umkehr, der Reue und der Bereitschaft zur Rundumerneuerung der durch die Missbrauchsskandale der vergangenen Jahrzehnte in ihren Grundfesten erschütterten Kirche. Nach der Papstrede nun fragen sich viele dieser Treuesten der Treuen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, ob das noch ihre Kirche ist. Einige werden sich wohl bald in das Heer derer einreihen, die jedes Jahr aus der Kirche austreten. Andere bleiben dabei, verabschieden sich aber innerlich, erwarten nichts und erhoffen sich auch nichts mehr. Ich verstehe beide. Wie meine Freunde frage auch ich mich: Bin das noch ich? Was ist aus meiner inneren Kirche geworden? Ein Raub der Flammen? Hat sie nie existiert?

Franziskus ist meine innere Kirche egal. Er glaubt ja nicht mal, dass ich eine Kirche habe. Als Journalist falle ich für ihn unter die Kritiker, die "Freunde des Teufels", die, wie Papst Franziskus zu Beginn der Missbrauchstagung in Rom sagte, die Kirche nicht lieben können, wie sie ist, sondern sie mit Worten vernichten wollen. Was Franziskus nicht verstanden hat und auch nicht verstehen will: Nicht die Kritiker sind es, die seine Kirche zerstören. Sie zerstört sich selbst, von innen. Dass viele Kritiker wie ich das nicht ertragen können, dass unsere Kritik nicht Destruktion, sondern Veränderung zum Ziel hat, kommt in Franziskus’ Weltbild nicht vor. Das ist seiner regelmäßigen Kurien-Kritik zum Trotz eher klassisch: Der Katholik, lautet es, hat an die "Heiligkeit der Hirten" und deren "Gleichgestaltung mit Christus" zu glauben. In einem solchen Weltbild ist Kritik vor allem Chefsache und nur sehr dosiert erwünscht, wenn sie sich gegen den Chef selber richtet.

In meiner inneren Kirche dagegen sind die Hirten nicht heiliger als die Herde. Alle zusammen sind wir das Volk Gottes. Schließlich war die vermeintliche Heiligkeit der Hirten in der Vergangenheit hauptverantwortlich dafür, dass sich lange niemand vorstellen konnte, dass Priester Kinder missbrauchen und Missbrauchstäter von Bischöfen und Kardinälen geschützt werden. Der Heiligenschein des Amtes überstrahlte alles. Er machte blind dafür, dass Hirten Menschen sind und Verantwortung tragen, weshalb man sie auch verantwortlich machen kann. In meiner inneren Kirche tun die Hirten deshalb nicht so, als seien alle verantwortlich und niemand. Selbst konservative Kardinäle verorten in ihr die Verantwortung nicht wie die Herren Müller, Burke und Brandmüller in der sündhaften Moderne und faseln etwas von Homo-Netzwerken, die die Kirche gekapert hätten und Schuld am Missbrauch seien. Dort kneten sich die Liberalen auch keinen Klerikalismus-Pappkameraden, um davon abzulenken, dass Liberale ebenso Täter waren und vertuscht haben. Dort hält zwar auch der Papst eine längst überfällige Grundsatzrede zum Thema Missbrauch. Nur referiert er nicht, wie bei Franziskus geschehen, weitschweifig, wie schlimm der Missbrauch anderswo war, bevor er kurz auf die Missbrauchstaten "einiger weniger" Mitbrüder zu sprechen kommt.

Natürlich ist meine innere Kirche keine Wunschfantasie bar jeder Realität. Selbst in ihr gibt es Oberhirten guten Willens, die dummes Zeug reden. Nur machen sie sich vor einer wegweisenden Rede ein paar vertiefte Gedanken, wie Worte wirken. Auch lassen sie mal einen Experten über das Manuskript schauen, damit sich kein schiefes Bild hineinschmuggelt. Und wichtiger als das: Dort hört ein Papst auf Berater, wenn die ihm sagen, dass sexueller Missbrauch an Kindern, anders als der Pontifex Maximus behauptet, nichts, aber auch gar nichts mit der Praxis ritueller Menschenopfer zu tun hat. Überhaupt wird in meiner inneren Kirche leiser und vorsichtiger formuliert als im Vatikan. Das macht sie nicht ganz so interessant für Außenstehende, aber dafür ehrlicher, suchender. Da versteckt man sich nicht hinter dem Wort "Sünde", wohl wissend, dass die nur den Sünder und Gott angeht, aber nicht Opfer und Kritiker. Ja, Missbrauch ist Sünde, aber Missbrauch ist vor allem Verbrechen. Gerade ein Papst sollte nicht über das eine reden und über das andere schweigen. Genau das macht aber Franziskus. Wer über das Verbrechen redet, muss auch über die Verbrecher sprechen. Wie geht man mit ihnen um? Was ist eine gerechte Strafe? Auf diese Fragen hat der Papst keine Antworten.

Natürlich gibt es Erfahrungswerte. In der katholischen Kirche, wie sie ist, meinte man bislang, ein Missbrauchs-Priester sei am härtesten bestraft, wenn man ihn zum ganz normalen Katholiken macht, zum Laien. So unvorstellbar hart ist diese Strafe in den Augen vieler Bischöfe, dass man von ihr möglichst gar nicht Gebrauch macht. In meiner inneren Kirche dagegen werden Priester, die sich an Kindern vergehen, nicht in irgendeinem Kloster geparkt, nicht stillschwiegend nach Tuttlingen oder Timbuktu versetzt, aber eben auch nicht auf dem nächsten Marktplatz zur Gaudi einer priesterfressenden Meute der Vierteilung preisgegeben. Die Behörden ziehen sie selbstverständlich zur Verantwortung, sofern die Gesetze dies erlauben. Dass dies bis heute eher schleppend geschieht in der Welt, wie sie ist, ist ein Skandal, nichts weniger. Ob die Täter durch Kirchengerichte danach zu Laien runtergestuft, exkommuniziert oder anderweitig aus dem Verkehr gezogen werden, ist eine Frage von untergeordneter Relevanz. Gleichwohl ist sie wichtig und ein Papst kann nicht schweigen, wenn die Welt sie stellt.