Ich bin Kirill Serebrennikow sehr verbunden, kenne viele seiner Mitarbeiter, wir sind befreundet. Als er nach seiner Verhaftung anfragen ließ, ob ich Zeit hätte, diese Produktion als Dramaturg zu begleiten, stand er schon unter Hausarrest – ich sagte, selbstverständlich mache ich das, aus persönlicher Verbundenheit und Bewunderung seiner Arbeit als Regisseur. Zum Zeitpunkt meiner Zusage wusste ich allerdings nicht, was auf mich zukommen würde.

Nabucco in Hamburg zählt zu den Engagements, die vor Kirills Verhaftung schon verabredet waren, und es war schnell klar, dass er alles dafür tun würde, diese Verabredungen auch einzuhalten. Aber eigentlich dachte ich, eine Operninszenierung in Abwesenheit des Regisseurs zu erarbeiten, das geht nicht. Kommunikation mit ihm ist zwar möglich, aber nicht direkt, sondern über seinen Anwalt als Mittelsmann. Die entscheidenden Momente auf der Probe sind ja aber die, in denen man auf Unvorhersehbares reagiert – weil dabei oft Dinge entstehen, die man sich anders nie hätte ausdenken können.

Unter denselben Bedingungen ist inzwischen auch schon Così fan tutte in Zürich entstanden – eine beispiellose Produktion, niemand wusste ja, wie ein solches Himmelfahrtskommando zu verwirklichen ist. Entsprechend nervös bin ich zu den Endproben nach Zürich gefahren – und war völlig überwältigt und erleichtert, weil ich gesehen habe, wie es Kirill gelungen ist, alle Prozesse bis ins kleinste Detail vorzudenken und über seine Mitarbeiter auch zu vermitteln.

Er steht jetzt seit über anderthalb Jahren in seiner 32-Quadratmeter-Wohnung in Moskau unter Hausarrest – zunächst sehr strengem Hausarrest. Mittlerweile darf er am Tag zwischen sechs und acht Uhr mit einer elektronischen Fußfessel in seinem Viertel spazieren gehen. Und er geht auch ins Schwimmbad, um sich physisch fit zu halten.

Immer wenn wir eine Szene nach seinen sehr präzisen Angaben so weit geprobt haben, dass sie im Umriss steht, filmt sie sein Co-Regisseur Evgeny Kulagin mit seinem Smartphone und schickt die Datei dem Anwalt, der sie dann an Kirill weiterleitet. Er antwortet rasch, meist noch am selben Abend, ebenfalls per Video. Wir schauen uns seine Botschaften zusammen mit dem Ensemble an, mit einer Dolmetscherin. Dann sammeln wir Fragen, Vorschläge, auch Zweifel, die wir dann wieder ihm zuleiten. Wir versuchen diese Momente so oft wie möglich zu schaffen – damit der Draht, auch wenn es eben doch nur ein indirekter ist, nicht abreißt.

Kirill ist ein Kommunikationsgenie, das muss man wissen. Vor seiner Verhaftung war er in den sozialen Medien sehr aktiv, er hat virtuos auf der Klaviatur der digitalen Medien gespielt. Ich glaube, das hilft uns jetzt. Es ermöglicht ihm, sogar über das Medium Video einen persönlichen Bezug zu seinen Mitarbeitern herzustellen – auch zu den Darstellern, von denen die meisten ihn nie persönlich kennenlernen konnten. Er weiß sehr genau, wer von ihnen Russisch spricht, und schafft es auch, so aus der Ferne fast eine Freundschaft, eine Komplizenschaft aufzubauen. Er hat eine uneitle und unautoritäre Art, er begegnet uns und allen Mitarbeitern vom Solisten bis zum Kleindarsteller, vom Dirigenten bis zum Techniker mit der gleichen Hochachtung und professionellen Zuwendung. Das ist wichtig.

Natürlich fließen diese Umstände in die Inszenierung ein. Es gibt keinen Eins-zu-eins-Bezug, aber jeder von uns kommt an den Punkt, an dem sich Verbindungen aufdrängen. Wenn man das Libretto liest, stellt man sich die Oper vielleicht zunächst wie einen Bibelfilm vor. Kirill hat die Handlung in den Kontext einer Sitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen gestellt. Es ist verblüffend, wie selbstverständlich der Gestus des Gesangs einer solchen parlamentarischen Situation entspricht. Kirill erzählt von Machtmenschen, in hybrider Kriegstechnik geschulten Polittechnologen, die mit Falschinformationen Mehrheiten auf dem Rücken Heimatloser organisieren. Ein hochpolitisches Stück, das Verdi in einen biblischen Kontext stellt, vor die Folie der Zerstörung Jerusalems und des ersten Exodus des hebräischen Volkes, dessen Heimat zerstört wurde.

Wir müssen leider weiter damit rechnen, dass Kirill irgendwann gar nicht mehr kommunizieren kann. Sollte er ins Gefängnis kommen, besteht kein Kontakt mehr. Das heißt, jedes Theater, das ihn engagiert, geht mit ihm ein unglaubliches Risiko ein, und es braucht einen größeren Mitarbeiterstab, um die Arbeit aufzufangen, die Kirill sonst persönlich erledigen würde. Das ist ein Stresstest für jedes Theater – dem sich niemand leichtfertig aussetzt, nur weil er womöglich auf eine Breitenwirkung durch den Namen Serebrennikow auf dem Programmzettel schielt. Ich bin aber überzeugt, die Arbeit ist Kirill eine enorme Stütze. Er sagt das auch: Er muss weiter planen, weiter künstlerisch arbeiten können, einfach, um die existenzielle Bedrohung, der er ausgesetzt ist, zu überleben.

"Nabucco", Hamburger Staatsoper, Premiere 10. März