© privat

Sie haben die Schlüsselgewalt. Manchmal baumelt ein ganzer Busch aus Stahl und Eisen am Hosensaum oder verbirgt sich diskret in der kleinen Handtasche. Wenn all die anderen kommen, die Pastorin und der Kirchenvorstand, die Organistin und das Bläserensemble, die Konfirmanden und die alte Dame, die immer schon eine Stunde vorher in ihrer Bank sitzen will, sind sie immer schon da. Haben Sitzkissen in exakten Türmen gestapelt und Zahlen aus Holz auf die Tafeln geschoben, den Beamer für die Lobpreislieder in den richtigen Winkel geschoben, den Altarblumen frisches Wasser gegeben, Wein und Brot für das Abendmahl bereitet, einer Mutter geholfen, das Kuscheltier zu suchen, das am Tag zuvor irgendwo zwischen Empore und Sakristei verloren ging. Schnell unter den Altar gekrochen, wo ein hellblaues Plüschohr hervorlukt, dabei noch die Lesebrille des Kirchenvorstandsvorsitzenden gefunden. Zwischendurch noch ein wenig mit der alten Dame geplaudert, eine Liste gemacht für den Wochenbeginn.

Küster und Küsterinnen sind die Raumgestalter einer Gemeinde. Früher nannte man sie Kirchendiener. Dabei gab es immer schon Kirchendienerinnen. Ein wunderbares Wort, das eine christliche Haltung offenbart und doch eine Bezeichnung, die bisweilen zu allerlei flegelhaftem Benehmen von erwachsenen Gemeindegliedern verleitet. In der Geschichte der Kirche ist es eines der ältesten Ämter. Küster und Küsterinnen sind und waren immer schon Tausendsassa, eine Mischung aus Seelsorger und Kirchbauexperten, Hausmeister mit ausgeprägtem Gespür für geistliche Fragen. Wer immer schon mal wissen wollte, wie der Wein in den Kelch kommt und was mit den Oblaten geschieht, die nach dem feierlichen Mahl übrig bleiben: Fragen Sie mal die Küster und Küsterinnen – die vielfältigste Mischung von Menschen und Biografien in der Kirche. Viele sind echte Typen.

Im Hochdeutsch der Kirchenverwaltung ist ihr Amt ein "Erwachsenenberuf". Es gibt keine Ausbildung, nur eine Fülle von beruflichen Wegen und Erfahrungen. Ich habe mal eine getroffen, die sah aus wie ein Model, immer schick und perfekt geschminkt. Einer hatte Tattoos, die aus Ärmeln und Kragen ragten. Früher war er Mechaniker auf einer Bohrinsel. Nun sorgt er dafür, dass im Kirchenschiff auch bei rauer See nichts passiert. Die Steckdose für den Weihnachtsbaum fällt eine Stunde vor der Christvesper aus? "Ruf mal den Küster." Die Mikroanlage funktioniert nicht? Die Küsterin macht das schon.

Manche arbeiten ehrenamtlich. Das Geld für ihre Arbeit ist oft knapp. Einige sind zufällig zu ihrem Amt gekommen, zum Beispiel, weil irgendwer die kleine Kapelle an der Radwanderstrecke auf- und zumachen muss. "Nun brennt an jedem Tag eine Kerze auf dem Altar. Dafür braucht es ja keine Pastorin." Andere sind bereits in der Küsterwohnung aufgewachsen. Manche Küster haben schon eine Handvoll Pastorinnen und Pastoren kommen und gehen sehen. Sie sind die guten Seelen der Gemeinden, wissen über jeden Winkel und seine Geschichte Bescheid und versetzen mit ihrem Sachverstand Kunsthistoriker in Bewunderung. Andere sind immer zufällig da, wenn die Kinder vorbeikommen. Eine Runde Bolzen zwischen Dienstbesprechung und Handwerkertermin. "Die sollen sich doch zu Hause fühlen in unserer Gemeinde." Küster vermitteln zwischen Organistin und Pastor, sie wechseln eine Minute vor dem Gottesdienst noch schnell die Liederanzeige aus, weil der Prediger nachts noch einen Einfall hatte.

Viele sind immer da. Und doch sieht man sie nicht. Ihre Gegenwart ist so selbstverständlich, ihre Arbeit so sehr die Vorarbeit für alles andere, dass es Zeit wird, sie mal hervorzuheben. Gehen Sie doch am nächsten Sonntag mal zu Ihrer Küsterin und Ihrem Küster. Sagen Sie Danke oder fragen Sie, was Sie immer schon mal wissen wollten.