Auf dem Weg zur Geburtstagsparty eines bekannten Berliner Fotografen und Sammlers fielen mir Richard Burtons Tagebücher ein. Obwohl der Schauspieler ein beneidenswert aufregendes Leben führte, gibt es nichts Entspannenderes als seine Aufzeichnungen. Ob er von Liz Taylors Make-up-Koffer erzählt, von ihren gemeinsamen Streiten und rührseligen Versöhnungen, von Pannen an einem Filmset, von kitzelnden falschen Bärten und den dummen Fragen der Journalisten, die ihn in seiner Garderobe bestürmen. Immer bleibt er in diesen Schilderungen dem Leben gegenüber jovial und sich seiner Privilegien bewusst. Man nimmt ihm ab, dass er am liebsten zu Hause ist, im Schweizer Château, wo er sich bis tief in die Nacht durch Bücher frisst, Biografien, historische Sachbücher, Krimis, Gedichtbände, Romane, die er, gescheit wie ein Oxford-Professor, beurteilt.

Als Burton 1971 zum Proust-Ball Marie-Hélène de Rothschilds eingeladen wird, nimmt er sich Marcel Prousts siebenbändige Suche nach der verlorenen Zeit aufs Neue vor. Als echter Künstler, oder vielleicht sollte man lieber sagen: Leser, sucht er das mythische Vorbild, das ihm erlaubt, die Dinge aus der Distanz zu betrachten. Beim Dinner sitzt ihm "ein schönheitschirurgisches Fiasko" gegenüber, von dem er die Augen nicht lassen kann. Weder Augenbrauen noch Wimpern, "eine grauenhafte Perücke", das Gesicht "mit Make-up zugekleistert und hier und da ein paar Beulen versehen". Madame Louis Malle flüstert ihm ins Ohr, dass es sich bei diesem "einem Horrorfilm entsprungenen Gentleman" um Andy Warhol handelt. "Wo ist meine Elizabeth?", möchte Andy wissen, und damit hat sich ihr Tischgespräch auch schon erschöpft. Während Burton auf dem Pariser Jahrhundertball das Horrorgenre bemühen muss, um sich zurechtzufinden, genügt ihm ein Krankenhausflur als Metapher, um Joseph Loseys spärlich eingerichtete römische Wohnung ins rechte Licht zu rücken.

Ich muss daran denken, dass Burton und Taylor dorthin drei Stockwerke ächzend hinaufgestiegen sind. Denn die von mir besuchte Geburtstagsparty findet in der fünften Etage statt. Auch für jenes angenehm intim beleuchtete Loft gibt es mythische Vergleiche. Die Petersburger Hängung von Gegenwartskunst erinnert an Gertrude Steins Apartment in der Pariser Rue de Fleurus. Ist es nur ein Einzelfall, oder besinnt sich die Hauptstadt-Avantgarde ausgerechnet im Bauhaus-Jahr auf die Gemütsqualitäten der klassischen Boheme? Zunftgemäß wurde das Loft nach Mitternacht immer voller. Eine Künstlerin, die ich fragte, wer hier alles zu ihren Kollegen gehöre, meinte, dass es einfacher sei, mir die vereinzelten Nichtkünstler zu zeigen, das seien die, die sie nicht kenne.

Seit die Auguststraße mit ihren klinischen Räumen nicht mehr der gesellschaftliche Magnet ist, hat sich die Kunstszene in viele Stadtteile zerstreut und neue, kleinere "Familien" gebildet. Keine Kiez-Familien, sondern Verbindungen, die sich aus von Künstlern kuratierten Thesenausstellungen ergeben. Ein Zürcher Kollege warf ein, dass meist ein "Quoten-Schweizer" dabei ist. Ein weiterer Gast hatte bei einem Dinner in Venedig einmal neben Liz Taylor gesessen. Bei keinem anderen Beruf, sagte die Künstlerin, sei man so gut vernetzt: Es sei nicht selten, dass ein Hartz-IV-Empfänger Atelierbesuch von einem Multimillionär erhalte. Aber untereinander gehe es spießig zu: Man schaue darauf, wo und bei wem man studiert habe. Also auch hier, im Paris-nahen Setting, wo alles existenzialistisches Schwarz trug, wuchern die Mythen im Kopf, und jeder wird wie bei Richard Burton gewogen, und viele werden als zu leicht für eine Erwähnung im Tagebuch befunden.