I. Kunst ohne Bilder

Happening und Performance – das steht am Anfang dieser Art der bildenden Kunst, die keine Bilder schafft. Die Künstler bewegen sich beim Reenactment, ohne Tänzer zu sein, sie stellen etwas dar, ohne Theater zu spielen. Ihr Kunstmaterial ist ihr Körper. Beim Happening werden in diese Improvisationen, die nichts erzählen wollen, spontan die Zuschauer einbezogen. Bei der Performance ist sich der Künstler gewöhnlich selbst genug.

II. Kunst für die Ewigkeit

Es ist eine vergängliche Kunst. Ursprünglich als unwiederholbar gedacht, werden Performances in Kunstzeitschriften ausführlich beschrieben, analysiert und gedeutet. Und welcher Künstler träumt nicht von der Ewigkeit seines Werks? Also werden die Performances auch fotografiert, gefilmt, als Video aufgezeichnet – und bald auch gehandelt. Aber das ist totes Material, das nichts von der Unmittelbarkeit des Ereignisses spüren lässt. Diesem Manko soll das Reenactment abhelfen.

III. Kunst als Vergangenheitsbeschwörung

Das Wort Reenactment ist jenen Vereinen entliehen, die historische Ereignisse nachstellen. Vor allem berühmte Schlachten in nachgeschneiderten Uniformen. Histotainment, Dokufiction wird das spöttisch genannt, weil man pedantisch und beflissen imitiert, "wie es gewesen sein soll". Das bleibt ein Schauspiel, ein Surrogat der Wirklichkeit, auch wenn es scheinbar die Vergangenheit ersetzt. Das berühmteste Beispiel ist die Nachinszenierung des Sturms auf das Winterpalais während der Oktoberrevolution in Eisensteins Film Oktober, die manche inzwischen für ein authentisches Zeugnis halten.

IV. Kunst der Darsteller

Auch das Reenactment spielt mit einem bewusst erzeugten Eindruck der Authentizität. Eine zentrale Rolle dabei haben die Personen, die das Kunstwerk im wahrsten Sinne verkörpern . Sei es "restaged", also vom selben Künstler wiederholt, oder als "delegierte Performance" von "engagierten" Darstellern nachgespielt. Auch bei der Marina-Abramović-Ausstellung in der Bonner Kunsthalle im vergangenen Jahr war das ein zentrales Element.

V. Kunst, die nachspielt

Niemand käme auf die Idee, eine Richard-Wagner-Oper wie zu seinen Lebzeiten zu inszenieren, um der Authentizität des Kunstwerks gerecht zu werden. In den bildenden Künsten ist das anders. Deshalb gelten in den Museen die Readymades von Marcel Duchamp als "original", obwohl es nur Repliken – freundlicher ausgedrückt: Reeditionen – sind. Die gleiche Originalität zeichnet jedes Reenactment aus, das – nachgespielt, nachinszeniert, nachempfunden –, wie ein Kritiker anmerkte, "same same but different" ist.