Dienstagvormittags platzte der Hörsaal 1010 im Kollegiengebäude I der Uni Freiburg selbst an den sonnigsten Sommertagen aus allen Nähten. Denn dort fand die Vorlesung statt, in der sich politisches Denken lernen ließ: Es war Mitte der westdeutschen Achtzigerjahre, die Zivilgesellschaft lag mit dem Staat im Machtkampf, das Atomkraftwerk Brokdorf sollte in Betrieb gehen, der Nato-Doppelbeschluss sah die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen vor, das Volksbegehren gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen war abgelehnt worden. Versagte der Staat? Welcher Protest war politisch legitim? Welcher Ungehorsam notwendig? Die Vorlesung "Zur Regierbarkeit der Industriegesellschaft" nahm diese Unruhe auf, ohne ihr Nahrung zu geben. Sie wurde abwech-selnd von dem Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde, der gleichzeitig auch Verfassungsrichter in Karlsruhe war, dem Politologen Wilhelm Hennis und dem Umweltrechtler Rainer Wahl gehalten, alle drei waren anwesend. Und Studierende aller Fakultäten drängten sich auf den Stufen, dem Boden.

In dieser Vorlesung machte Böckenförde deutlich, dass der Staat die Aufgabe hat, die Grundbedingungen für die Freiheit der Bürger zu schaffen und zu schützen. Zumal als amtierender Verfassungsrichter positionierte er sich auch auf drängelnde Nachfragen nicht klar zur Atomenergie, von ihm waren überhaupt tagespolitische Handreichungen nicht zu bekommen, er verbrüderte sich nicht mit Studierenden, und zu Rechtsverletzungen selbst aus brennendster ökologischer Sorge hätte er niemals aufgerufen. Als Zuhörer war er gegenüber den Studierenden so aufmerksam wie scharf in den eigenen Stellungnahmen, als Stilist schrieb er eine Prosa von glasklarer Eleganz. Er lehrte Begriffe, er lehrte zu denken. Unvorstellbar, dass der bekennend katholische Sozialdemokrat Böckenförde sich an Sitzblockaden gegen atomare Gefahren beteiligt hätte.

Überhaupt – und darin war er ein Mann seiner Generation – war nicht die Ökologie sein Thema, sondern die Aufgaben des verfassten demokratischen Staates, zumal in Situationen seiner Gefährdung. Und dennoch, so betont es der Umweltjurist und Klimapolitiker Karsten Sach, habe Böckenförde als einer der Ersten die Schutzpflicht des Staates um die ökologische Daseinsvorsorge erweitert. Ein Verfassungsgerichtsurteil zum Trinkwasserschutz wurde damals unter den Studierenden lebhaft diskutiert, Böckenförde hatte betont, dass die Grenzen des privaten Eigentums dort liegen, wo ein Eigentümer das Grundwasser unter seinem Haus verunreinigt und damit das Gemeinwohl schädigt.

Apropos Eigentum: Der Sozialdemokrat Böckenförde hielt es für nicht vertretbar, dass Teile der Bevölkerung durch den Wertzuwachs ihrer Grundstücke ohne eigenes Zutun immer reicher wurden, und also gehörte der Staatsrechtler zu den Ersten, die über steuerliche Ausgleichsabgaben nachdachten.