Für den Tag nach der Berlinale hatte ihr achtjähriger Sohn einen Satz in ihren Kalender geschrieben: "Mama wieder da!" Als dann an dem Montag das Telefon klingelte und Nora Fingscheidt für den nächsten Tag ins Rathaus eingeladen wurde, sagte sie: am liebsten am Vormittag. Es ging aber nur am Nachmittag, zu einem Zeitpunkt, der schon mit einem lange aufgeschobenen privaten Termin mit ihrem Sohn belegt war. Also fand der Empfang der Stadt Hamburg zu Ehren der Regisseurin, die für ihren Debütfilm Systemsprenger den Silbernen Bären gewann, ohne die Regisseurin statt. Die Frau, die gerade bekannt wird mit einem Film über ein Kind, um das sich niemand kümmern will, will sich jetzt erst einmal wieder um ihr Kind kümmern.

Der Film Systemsprenger ist alles andere als leichte Unterhaltung. Er handelt von einem neunjährigen Mädchen namens Benni, das als aggressiv und unberechenbar gilt und vom Jugendamt in ein Kinderheim gesteckt wird. Weil die Gewaltausbrüche das Heim an seine Grenzen bringen, wird die Neunjährige von Institution zu Institution weitergereicht, bis schließlich niemand mehr bereit ist, das Mädchen aufzunehmen.

Die Geschichte ist nicht ausgedacht, Fingscheidt, 36, kennt Mädchen wie Benni. Aber sie habe sich entschieden, keinen Dokumentarfilm zu drehen, weil sie nicht in das Leben von echten Kindern reinpfuschen wolle, sagt sie.

Während ihres Studiums drehte sie eine Dokumentation über ein Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart. Eines Tages zog dort ein 14-jähriges Mädchen ein, das eine Odyssee durch alle Wohngruppen Baden-Württembergs hinter sich hatte. "Eine Sozialarbeiterin nannte sie damals nur trocken 'eine Systemsprengerin', und ich dachte: Was ist das denn für ein Wort?", sagt Nora Fingscheidt. "Ich hatte schon lange eine Geschichte über ein wütendes Kind drehen wollen, mir hat aber immer die Geschichte gefehlt." Warum ausgerechnet darüber? "Das hat ganz persönliche Gründe", sagt sie und lacht, mehr will sie dazu nicht erzählen.

Sie studierte weiter in Ludwigsburg, bekam ihren Sohn und begann das Drehbuch zu schreiben. Sie besuchte Kinderheime, Sonderschulen, Kinderpsychiatrien, Inobhutnahme-Stellen in Rosenheim, Berlin, Stuttgart, Ostfriesland, blieb mal Tage, mal Wochen in den Einrichtungen, half vor Ort auch mit. "Weniger Recherche wäre meinem Anspruch an mich selbst nicht gerecht geworden", sagt sie. Aber sie merkte, wie das Projekt ihre Weltsicht verdüsterte. Jeder Mensch, der in diesem Bereich arbeitet, muss lernen, eine Bindung zu den Kindern aufzubauen, dabei aber in professioneller Distanz zu bleiben. Ihr gelang die Abgrenzung kaum. "Ich habe den Blick dafür verloren, dass es sich trotz allem um Einzelfälle handelt. Das war nicht gut für mich." Fingscheidt unterbrach die Recherche. Der Film, der ihr Abschlussfilm an der Uni werden sollte, schien gescheitert. Auch mit der Finanzierung des Projekts lief es nicht gut.

Stattdessen reiste sie für ein halbes Jahr nach Argentinien und drehte dort mit deutschsprachigen Mennoniten. "Als ich zurückkam, merkte ich, es geht wieder." Sie schrieb weiter, gewann mit dem Skript gleich drei Drehbuchpreise, auch der Film über die Mennoniten wurde ausgezeichnet – nun klappte es mit der Finanzierung. "Ohne meine Familie hätte ich wahrscheinlich gar nicht die Kraft gehabt, das so lange durchzustehen", sagt sie. "Aber es ist natürlich ein Drahtseilakt." Bevor der Dreh begann, stand die Einschulung ihres Sohnes an. Mit ihrer Familie beschloss sie, nach Hamburg zu ziehen. "Mein Vater ist Hamburger, ich habe hier als Kind viel Zeit verbracht", sagt sie. Die Koproduzentin half, eine Wohnung in Eppendorf zu finden.

Systemsprenger wurde in Hamburg gedreht – allerdings mit Absicht in Ecken, in denen die Stadt nicht nach Hamburg aussieht, etwa in Ottensen oder Neugraben. Die Geschichte von Benni sollte auf keinen Fall die Geschichte eines Kindes in der Großstadt werden. Und auch ausdrücklich keine Geschichte über Männlichkeit oder Pubertätsprobleme – diese Schubladen wollte Fingscheidt um jeden Preis vermeiden.

Im Herbst kommt Systemsprenger ins Kino. Vorher macht Fingscheidt Pause. "Es war toll auf der Berlinale, aber auch eine völlige Überforderung. Das muss ich erst mal sortieren und einordnen", sagt sie. Die nächsten sechs Monate drehe sie nichts, selbst wenn Hollywood anriefe. "Mein Sohn war beim Dreh und auf Recherchereisen dabei, bei Kino-Abnahmen, er ist vollkommen in der Filmwelt sozialisiert. Aber er freut sich auch, wenn ich mal Zeit habe, Harry Potter vorzulesen."

Und dann will Nora Fingscheidt sich ans nächste Drehbuch setzen. Ein Thema hat sie schon. Schreiben will sie aber nur morgens, während der Schulzeiten.