In unserer Interview-Reihe befragen wir ab sofort Menschen, die erst vor Kurzem in die Schweiz gezogen sind, nach ihrem Blick auf das Land.

DIE ZEIT: Herr Botschafter, was haben Sie eigentlich angestellt, dass man Sie in die Schweiz delegiert hat?

Norbert Riedel: Ich hoffe, nichts (lacht). Viele Kolleginnen und Kollegen beneiden mich, dass ich als deutscher Botschafter in der Schweiz sein kann. Hier finden Sie, was Sie in meinem Beruf weltweit sonst nirgends finden ...

ZEIT: ... es passiert nicht viel.

Riedel: Nein, nein, nein! Erstens, die Schweiz ist das einzige Nachbarland Deutschlands, das nicht in der EU ist. Zweitens, ich verstehe hier alle Landessprachen. Und es kommt noch ein Punkt dazu: In der Schweiz stehen einem überall die Türen offen.

ZEIT: Aber aus deutscher Sicht ist die Schweiz halt doch nur mäßig interessant. Ich sage das aus eigener Erfahrung als Schweizer Journalist, der für eine deutsche Zeitung arbeitet.

Riedel: Ich bemerke bei Ihnen diese Schweizer Taktik: Sich kleiner machen, als man ist. Die Schweiz ist eine der 20 wichtigsten Handelsnationen der Welt, und ich sehe überhaupt keinen Grund, dass sie sich klein und bescheiden gibt. Nur ein Beispiel: Sie hören es, ich bin ein Schwabe. Der Handelsaustausch der Schweiz mit Baden-Württemberg ist gleich groß wie der mit China oder den USA.

ZEIT: Reicht das, damit die Arbeit interessant ist?

Riedel: Natürlich gibt es hier keine unerlaubte Produktion von Atomwaffen wie in Nordkorea, Gott sei Dank! Aber mich überzeugt die These nicht, wonach die Schweiz die Probleme der Welt nicht kennt. Im Gegenteil: Das Thema, das mich hier vor allem umtreibt, ist das bilaterale Verhältnis der Schweiz mit der Europäischen Union. Dahinter steht dieselbe Frage, die sich zurzeit in allen Ländern stellt: Wie wollen wir in einer globalisierten Welt zusammenleben?

ZEIT: Sie sind nun seit gut anderthalb Jahren in Bern. Wie bereitet man sich auf einen neuen Posten vor?

Riedel: Indem man versucht, sämtliche Klischees sofort über Bord zu werfen! Ich habe schnell gemerkt, ich verstehe nichts von der Schweiz, obwohl ich als Kind sehr oft hier zum Skifahren war.

ZEIT: Was heißt das?

Riedel: Je länger ich hier bin und je differenzierter ich die Dinge sehe, umso mehr Fragen stellen sich mir. Eine der besten Beschreibungen des Verhältnisses der Schweiz zu Deutschland stammt von meinem Bundespräsidenten: "Wir sind uns nah, aber wir sind nicht dieselben."

ZEIT: Erster Schritt also: Klischees über Bord werfen. Was braucht es sonst noch, um sich in der Schweiz zurechtzufinden?

Riedel: Die Broschüre des Bundesrates, in der das politische System erläutert wird. Eine bessere Zusammenfassung habe ich bisher nicht gefunden. Ich lese aber auch gerne schöngeistige Literatur aus der Schweiz.

ZEIT: Was denn?

Riedel: Ich bin ein großer Fan von Jonas Lüscher, Lukas Bärfuss und Peter von Matt. Als Jugendlicher habe ich die Schweiz um Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch beneidet. Ich versuche das Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern auch anhand der Literaturgeschichte nachzuvollziehen. In guten Zeiten gehen zum Beispiel viele Schweizer Autoren nach Deutschland, weil der Markt dort größer ist. In schwierigen Zeiten war die Schweiz das erste Zufluchtsland für deutsche Autoren.

ZEIT: Was haben Sie aus der Literatur über die Schweiz gelernt?

Riedel: Die Vielschichtigkeit, die unterschiedlichen Sprachen, die hier ganz selbstverständlich gepflegt werden, das ist für uns Deutsche völlig ungewohnt. Da ist die Literatur ein Mittel, um ein gewisses Verständnis dafür zu bekommen.

ZEIT: Wie erleben Sie die Schweiz selbst?

Riedel: Ich habe rasch gemerkt, mein Dienstort ist nicht Bern, sondern die Schweiz. An einem Tag ist die Schweiz Bern, am nächsten Genf oder Luzern, am dritten Tag Basel. Und da zeigt sich das Land jedes Mal ganz anders. Diese Vielseitigkeit hat mich am meisten überrascht.

ZEIT: Als Schwabe müsste Ihnen dieses regionale Bewusstsein vertraut sein. Ist das in der Schweiz stärker ausgeprägt als in Deutschland?

Riedel: Ja! Die einzelnen Städte und Kantone – und ihre Menschen – sind ganz unterschiedlich. Das ist faszinierend.

ZEIT: Ist das manchmal nervig für Ihre Arbeit?

Riedel: Das macht es interessant! Die Schweiz ist überhaupt unvorhersehbar, das macht ihren Charme aus. Aber festlegen, was die Schweiz ist, das geht nicht.

ZEIT: In der Schweizer Politik wird aus der Vielseitigkeit immer mal wieder eine Kakofonie.

Riedel: Ja.

ZEIT: Sogar innerhalb der Regierung: Der eine Bundesrat sagt A, der andere sagt B.

Riedel: Ja.

ZEIT: Wie gehen Sie damit um?

Riedel: Ohne die Schweiz zu kritisieren ...

ZEIT: ... Sie dürfen die Schweiz schon kritisieren!

Riedel: Nein, nein. (lacht) Ich konstatiere nur. In der Schweiz sind offensichtlich einige davon überzeugt, dass es gut ist, die Welt da draußen fernzuhalten. Andere hingegen glauben, dass es für die Schweiz von zentraler Bedeutung ist, sich dieser Welt zu öffnen. Da besteht ein Spannungsverhältnis.