© Beck für DIE ZEIT

Wer ewig keine Macht hat, wird irgendwann mächtig wütend. Und so setzt sich zumindest diese Erkenntnis allmählich durch: Die gesellschaftlichen Verwerfungen im Osten haben auch damit zu tun, dass es zu wenige Vorbilder gibt, zu wenige ostdeutsche Aufstiege, zu wenige ostdeutsche Karrieren. Kurz gesagt: zu wenige Führungskräfte aus den neuen Ländern, an denen sich andere orientieren können. Denen sie nacheifern können. Und die die Gesellschaft tragen.

In eine gar nicht so neue Debatte kommt gerade neuer Schwung: Braucht man eine Quote für ostdeutsche Führungskräfte, analog zur Quote für weibliche Führungskräfte? Was vor anderthalb Jahren noch eine Idee war, der sich nur wenige offen anschlossen – Leute wie der Bürgerrechtler Frank Richter oder die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan (ZEIT Nr. 46/17) –, das wird im Angesicht der emotionalen Aufwallung immer ernsthafter diskutiert. Und damit auch: immer vehementer, in der Zustimmung wie in der Ablehnung.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, der Thüringer Christian Hirte, entschied sich in der vorigen Woche für vehementes Ablehnen: Niemals brauche es eine Ostquote! Denn: "Das führt ins Elend." Er sehe keinen "Nachteil, aus den neuen Bundesländern zu sein", ein Ostdeutscher habe dieselben Chancen wie jeder andere. Hirte ist Mitglied der CDU. Wie auch Reiner Haseloff, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident, der eigentlich in jeden Ring steigt, in dem sich zusätzliche Förderung für den Osten erkämpfen lässt. Aber zu einer Quote für Ostdeutsche in Führungspositionen sagte auch Haseloff: Die brauche man nicht. Die helfe nicht. Am Dienstag dieser Woche nun antwortete sogar Joachim Gauck, der frühere Bundespräsident, auf die Frage, was er von einer Ossi-Quote halte: "Geht’s noch?"

Dass es in erster Linie eher konservative Ostdeutsche sind, die eine Quote für Ossis ablehnen, ist kein Wunder. Eine Quote bedeutet immer einen Eingriff des Staates in die Mechanismen des Markts, sie soll Ungleichheiten durch Zwang und Gesetz ausgleichen, sie ist ein eher linkes Instrument.

Trotzdem geht es bei der Ostquote eigentlich um Dinge, die jedem Konservativen wichtig sind. Es geht um Heimat, um Patriotismus, um Karriere, ums Land. Die Forderung nach der Ossi-Quote, wenn man genauer darüber nachdenkt, ist überhaupt nicht links. Sie ist bürgerlich.

Man muss, wie immer bei diesem Thema, zunächst noch einmal die schier unglaublichen Zahlen aufrufen, die Grundlage der Debatte sind. 2017 stammten von 109 Abteilungsleitern in allen Bundesministerien nur vier aus Ostdeutschland. 2016 wurden von den 100 größten ostdeutschen Unternehmen nur 28 von ostdeutschen Chefs geleitet, und lediglich drei der 190 deutschen Dax-Vorstände stammten aus dem Osten. Anfang 2019 wurde der Umstand publik, dass es keinen ostdeutschen Uni-Rektor mehr gibt. Keinen! Einzigen!

Was macht es mit Merseburg und Magdeburg, wenn kaum ein mächtiger Einheimischer in diesen Städten lebt; wenn kaum ein Mächtiger aus diesen Städten stammt? Ganz einfach: Die ostdeutsche Gesellschaft bekommt das Gefühl, sie regiere sich nicht selbst. In Zeiten, in denen einige Menschen sich ohnehin diskursiv ausgeschlossen fühlen, verbreitet sich unter einem Teil der Ostdeutschen die Überzeugung: Wir haben nichts zu melden.

Natürlich, in den Neunzigern war die schlechte Repräsentanz Ostdeutscher noch erklärlich – damit, dass es zu wenige Unvorbelastete und Gutausgebildete aus den neuen Ländern gab. Seit 30 Jahren hat sich an der Lage aber nichts ändert. Wenn sich das Problem nicht von allein auswächst – ist es dann nicht logisch, eine Quote für Ostdeutsche in Führungspositionen zu fordern? Und wäre das dann nicht, sorry, patriotisch, heimatstolz und selbstbewusst?

Wie immer, wenn das eigene Selbstbewusstsein infrage steht, ist es hilfreich, nach Bayern zu schauen, ins – was das Ego betrifft – höchstwahrscheinlich gefestigtste deutsche Bundesland. Die Bayern müssen das Wort "Bayernquote" nicht in den Mund nehmen. Weil sie nicht benachteiligt, sondern bevorteilt sind. Sie sitzen in unzähligen Dax-Vorständen, haben ihre eigenen Dax-Konzerne, sie sitzen in jeder Bundesregierung. Trotzdem fordern die Bayern ständig ihre Beteiligung ein, sie haben dafür ihre eigene Partei, die CSU. Die CSU ist nichts anderes als die bayerische Quotengarantievereinigung, das absolute Versprechen: Wir lassen unser Volk überall mitreden, im ganzen Land, und wir machen es mächtiger, als es ist. Hauptsache, du bist Bayer (oder, notfalls, Franke).