Endete nicht gerade erst die gefeierte Münchner Schau über die Renaissance in Florenz? Und während alle Welt von dem Florentiner Universalgenie Leonardo spricht, das am 2. Mai vor 500 Jahren starb, starten in Deutschland schon zwei neue Ausstellungen über die zentrale Epoche der europäischen Kunst auf Italiens Boden: In Berlin widmet sich die Gemäldegalerie Andrea Mantegna und Giovanni Bellini, in Frankfurt kann man Tizian und seine venezianischen Kollegen erleben. Dass man die beiden Ausstellungen in diesem Frühling parallel sehen kann, ist ein seltener Glücksfall: So lässt sich nachvollziehen, was in Venedig, Padua und Mantua geschah, nachdem Botticelli und Leonardo, Raffael und Michelangelo in Florenz und Rom losgelegt hatten.

Wer in der Berliner Gemäldegalerie das mit fulminanter Ausstellungsarchitektur umgebaute Atrium betritt, fühlt sich in eine Basilika in Venedig oder Padua versetzt: mit einem weithin sichtbaren Quasi-Altar aus Bellinis Auferstehung, während links und rechts die Quasi-Seitenschiffe ihre Schätze präsentieren. Wie mit einer trotzigen Triumphgeste werden so alle Diskussionen über die Zukunft der Berliner Museen, Strukturen und Standorte beiseitegewischt: Schaut her, es geht wieder um die Kunst.

Gleich am Eingang der Evangelist Markus, den der 17-jährige Andrea Mantegna um 1448 schuf und selbstbewusst signierte: Niemand zuvor hatte im italienischen Nordosten perspektivisch gemalt, so wie diesen gelehrten Bärtigen in seiner Nische. Sein erhobener Finger bittet gleichsam um Aufmerksamkeit für die folgenden fast einhundert Werke der Schau. Sie ist spektakulär. Seit Herbst war sie in der Londoner National Gallery zu sehen, Berlin und London haben sich zusammengetan, die beiden Museen besitzen den außerhalb Italiens größten Bestand an Werken von Andrea Mantegna und Giovanni Bellini, darunter viele Zeichnungen. Die Kooperation erlaubte auch, bedeutende Leihgaben aus aller Welt zu bekommen, der Bundespräsident übernahm die Schirmherrschaft.

Was verbindet Mantegna und Bellini? Zunächst die Familie: Sie sind wohl die berühmtesten Schwäger der Kunstgeschichte. 1453 heiratete der aufstrebende Andrea Mantegna aus Padua die Tochter des venezianischen Malers Jacopo Bellini – oder genauer: verheiratete Jacopo seine Tochter, als damals übliche strategische Allianz. Mantegna, der hochbegabte Tischlersohn, wurde zum bahnbrechenden Vermittler der Renaissance in Italiens Nordosten, vor allem unter dem Einfluss des Bildhauers Donatello, der, aus Florenz kommend, sich in Padua niederließ (und von dem die Ausstellung einiges zeigt). An ihm schulte Mantegna seine atemberaubenden perspektivischen Fähigkeiten – "wie in Stein gemeißelt" sei seine Malerei, heißt es schon 1449, "wirklich, lebendig und wahr". Von 1460 bis zu seinem Tod 1506 arbeitete er als Hofmaler in Mantua bei den Gonzagas und schuf seine Meisterwerke, darunter die berühmten Fresken der Camera degli Sposi im herzoglichen Palast.

In Venedig wuchsen die Bellinis unterdessen zur führenden Werkstatt, auch dank Jacopos Söhnen Gentile und Giovanni. Giovanni Bellini, der früh von Mantegna lernte und wohl ein paar entscheidende Jahre jünger war (die unklaren Geburtsjahre und daraus entstehenden Einfluss- und Zuschreibungsprobleme gehören von jeher zu den ideologischen Großfehden der Kunstgeschichte), wurde zum prägenden venezianischen Künstler seiner Zeit. Gerade hat der Kunsthistoriker Johannes Grave einen prächtigen Band über seine Malerei veröffentlicht (Giovanni Bellini – Venedig und die Kunst des Betrachtens, Prestel Verlag, 288 S., 99,– €).

Die Kunden der reichen Handelsmetropole schätzten Bellinis legendäre Farbgebung, seine Andachts-, Altar- und Marienbilder waren begehrt. "Er ist ser alt und ist noch der pest im gemoll (der Beste in der Malerei)", schrieb Albrecht Dürer 1506 aus Venedig. Die intellektuellen, oft verrätselten Bildprogramme des humanistisch gelehrten Hofmalers waren jedoch bei aller Bewunderung nicht die Sache Bellinis, der Schönheit für empfindsame und wohlhabende Venezianer schuf. In der Ausstellung lassen sich viele seiner Marienbilder bestaunen – ebenso wie Mantegnas herrlicher Heiliger Sebastian (1460), der, von Pfeilen durchbohrt, an antike Säulen gefesselt ist. Das Programm der Renaissance wird sichtbar.

Die Ausstellung lebt von drei Effekten: Neben Gemälden werden Zeichnungen gezeigt, die den künstlerischen Arbeitsprozess im 15. Jahrhundert vorführen. Zudem werden bestimmte Werke der beiden Künstler paarweise nebeneinandergehängt – das ist der zentrale Clou der Schau. Zwanzig Jahre nachdem Mantegna um 1454 eine Darbringung des Christuskindes im Tempel (Berlin) gemalt hatte, pauste Bellini das Bild regelrecht ab und ergänzte seine Version um weitere Figuren (Venedig). Aus London kommen die beiden Christus am Ölberg- Gemälde von Mantegna und Bellini aus beider Frühphase: Der Jüngere lässt da schon den Himmel leuchten und ahmt die perspektivisch verkürzten Figuren des Älteren nach.

Und schließlich, als dritter Effekt: das erste Mal. Noch nie hat beispielsweise die National Gallery eines ihrer Wahrzeichen, Bellinis Porträt des Dogen Leonardo Loredan, auf Reisen geschickt – hier ist dieses überragende Meisterwerk der Renaissance-Porträtkunst zu bewundern: unerhört fein gemalt, natürliche Würde ausstrahlend. Überwältigend ist auch das erstmalige Beieinander zweier Spätwerke am spektakulären Ende der Schau: Gegenüber von drei riesigen Tafeln aus Mantegnas neunteiligem Zyklus Der Triumphzug Cäsars hängt sein exzessives Gemälde Sieg der Tugend über die Laster aus dem Louvre – und daneben Bellinis ab 1514 entstandenes, nicht weniger berühmtes Fest der Götter aus Washington, in dem der alte Meister kurz vor seinem Tod glänzend im neuen Stil der jungen Venezianer mit lauter lässig gelagerten Picknickern die natürliche Bewegung feiert.

Doch zur gleichen Zeit kam noch mehr Bewegung in die venezianische Bilderwelt. Mit elegantem Hüftschwung weicht da ein verblüffend femininer Jesus den begehrlichen Fingern Maria Magdalenas aus, die vor ihm kniet, ihren zärtlich zudringlichen Blick kaum bändigend, ihren lauernden, hingebungswilligen Körper gerade noch so zurückhaltend. Die Szene malte um 1514 ein Mittzwanziger, der Shootingstar in der venezianischen Szene. Tizian, so hieß der junge Mann, machte in den kommenden Jahrzehnten die Malerei der Lagunenstadt zu einem europäischen Markenartikel; nicht nur Dogen, sondern Könige und Kaiser ließen sich von ihm porträtieren.

Für die Frankfurter Ausstellung Tizian und die Renaissance in Venedig ist sein noli me tangere-Bild aus der Londoner National Gallery in den Städel gekommen. Berühre mich nicht – ob er das wohl ernst meint? Maria Magdalena scheint es austesten zu wollen am Ostermorgen. Ob der frisch auferstandene Christus standhält, ist in jenem Moment, den Tizian malt, noch offen. Keusch tänzelnd rafft er zwar seinen weißen Umhang, aber die Distanz seines sanften Blicks, hält er sie durch? Abwehr und Verführung: Sein Oberkörper immerhin wendet sich ihr doch zu, ihr weißes Untergewand ist transparent hingehaucht. Am Horizont färbt sich der Himmel wohlwollend über der innigen Szenerie.