Nur wenige Minuten bevor der Champion sein letztes Rennen läuft und sich entscheidet, ob er noch einmal gewinnen kann, stürmt sein Trainer Hans-Jürgen Gröschel mit rudernden Armen auf die Tribüne. Gröschel, 75 Jahre alt, ein ungestümer Mann mit harten Händen und weichem Blick, nimmt allein in einer Reihe Platz. Seine weißen Haare leuchten in den bewölkten Münchner Novembernachmittag, während er das Programmheft knetet. "Ich weiß nicht, ob er es noch einmal schafft", murmelt er, die Augen starr auf die Rennbahn geheftet, auf der sich Iquitos warm läuft, der Champion.

Iquitos, benannt nach einer peruanischen Stadt im Regenwald, ist ein dunkelbrauner Hengst mit rautenförmiger Blesse und schwarzer Mähne, den Gröschel wider Erwarten vom Außenseiter zum Champion gemacht hat. Iquitos hat nur ein Stockmaß von 1,57 Metern. Verglichen mit anderen Rennpferden ist er ungewöhnlich klein, weshalb ihn fast alle außer Gröschel "Krümel" nennen. Aber Iquitos, sagen sie in der Rennszene, besitzt das, was einen Sieger von einem sehr guten Pferd unterscheidet: den unbedingten Willen zu gewinnen.

Von der Tribüne aus sieht Gröschel, wie der Jockey, ein hagerer Franzose, Iquitos in die Startbox führt, an Position vier. Daneben reihen sich die anderen Pferde ein, Hengste aus Frankreich, Irland oder England, die Scheichs aus Dubai oder berühmten Rennställen gehören. Iquitos tänzelt.

Es ist 14.15 Uhr. Sieben Pferde und 3000 Menschen warten auf das Startsignal, die Wetten sind gesetzt. Der Gong ertönt, die Boxen öffnen sich. "Der Große Preis von Bayern beginnt", sagt der Kommentator, seine Stimme tönt aus den Lautsprechern. Die Pferde galoppieren los.

"Ruhig bleiben, ganz ruhig", sagt Gröschel, und es ist nicht klar, ob er das zu Iquitos sagt, zum Jockey oder zu sich selbst.

2400 Meter liegen vor ihnen.

Die letzten 2400 Meter in Iquitos’ Karriere.

Als das Feld unter lautem Getrappel an der Tribüne vorbeizieht, liegt Iquitos rund zwei Längen hinter dem Vorletzten, ganz hinten. Es sind noch 2200 Meter. Noch ist nichts verloren.

Iquitos hat große Rennen gewonnen in Baden-Baden und München, er ist in Paris, beim wichtigsten Rennen der Welt, gelaufen und zweimal in Tokio, vor 120.000 Zuschauern. 2016 wurde er zum Galopper des Jahres gewählt. Er gewann 571.690 Euro an Preisgeldern. Ein "Wunderpferd" nannten sie ihn.

Doch nun ist Iquitos in die Jahre gekommen. Seine Besitzer wollen ihn verkaufen, Iquitos soll ein Deckhengst für die Zucht werden.

Das beste Alter für Galopper liegt ungefähr bei drei bis vier Jahren. Iquitos ist sechs Jahre alt. Es gibt keine Altersgrenze, er könnte nächste Saison, mit dann sieben Jahren, weiterlaufen. Aber sein Trainer Gröschel hat den Besitzern davon abgeraten. "Die größte Kunst ist es, im richtigen Moment aufzuhören, das ist im Sport so wie im Leben, und das gilt auch für Pferde", sagt er.

In der Szene wird gemunkelt, dass Gröschel auch aufhört, wenn Iquitos aufhört. Das Pferd, auf das er sein Leben lang gewartet hat. Gröschel sagt: "Dieser Kerl ist ein Geschenk Gottes."

Gröschel, 1943 geboren, kommt aus Dresden. Sein Großvater war Pferdehändler, seine Mutter Reitlehrerin, sein Vater Pferdetrainer. Er wuchs, erzählt er, auf der Rennbahn in Dresden-Seidnitz auf. Ein blasser Junge mit schwerer Brille, der mit seinem Bruder in den Ställen Verstecken spielte.

Als Gröschel zwei Jahre alt war, musste er mit ansehen, wie sowjetische Soldaten die Pferde des Vaters erschossen, um sie zu essen. Später lernte er das Reiten, er striegelte die Pferde, mistete die Ställe aus, er sah seinem Vater beim Training und bei den Rennen zu. Er lernte, die Pferde zu lesen. Einmal im Jahr, solange die Mauer noch nicht stand, fuhr die Familie zum Großen Preis von Baden-Baden, wo der Vater mit seinen Pferden startete.

Gröschel sagt, er hatte zwei Träume: Er wollte Trainer werden wie sein Vater. Und er wollte einmal ein großes Rennen in Baden-Baden gewinnen.

Den ersten Traum erfüllte Gröschel sich rasch. Der zweite schien unerreichbar.

Mit 29 übernahm Gröschel den Posten seines Vaters. Er gewann Rennen in Polen und Ungarn, gewann den Großen Preis der DDR. Seine erfolgreichsten Pferde hießen Falkensee, Auerberg oder Witold. Aber der Weg nach Baden-Baden, zu den Rennen in Westdeutschland, von denen Gröschel noch immer träumte, blieb ihm als DDR-Bürger versperrt.