Für die katholische Kirche geht gerade die Welt unter. Die Kommentierung zum Missbrauchsgipfel ist eine Katastrophe. Die Aktiven in der Kirche distanzieren sich immer öffentlicher von ihren Kirchenoberen. Die Kirchenaustrittszahlen schnellen hoch. All das sind Zeichen einer sich immer stärker beschleunigenden Erosionsbewegung. Das katholische Wir zerfällt. An nichts kann man dies besser erklären als an einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts aus der vergangenen Woche.

Das Bundesarbeitsgericht hat ein Urteil gesprochen, das vieles über die Kirche und unsere Gesellschaft offenbar werden lässt. Das Gericht hatte in letzter Instanz über den Fall eines Chefarztes eines katholischen Krankenhauses geurteilt. Dieser hatte gegen seine Entlassung geklagt. Gekündigt hatte ihm sein katholischer Arbeitgeber, weil der Chefarzt sich scheiden ließ und erneut heiratete. Ein Verhalten, das mit der katholischen Lehre nicht übereinstimmt. Dennoch, die Kirche muss den Mann weiterhin beschäftigen, obwohl er ihren Grundsätzen von der allgemeinen Moral widerspricht. Der individuelle Zeitgeist hat gewonnen.

Dieses Urteil bricht dabei mit einer lange anerkannten Regel in unserer Gesellschaft. Nämlich der, dass zwar niemand aufgrund seiner Religion, seines Geschlechts oder seiner politischen Überzeugungen auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden darf, dies allerdings nicht für Organisationen gilt, die als gesellschaftlicher Akteur für ein spezifisches inhaltliches Programm stehen. Eine Regelung, für die es gute Gründe gibt. Gäbe es sie nicht, könnte die SPD eine Bewerberin oder einen Bewerber mit AfD-Parteibuch nicht ablehnen und die Kirche müsste Atheisten auf einer Pfarrstelle akzeptieren. Man merkt schnell, dass diese Ausnahme durchaus sinnig ist. Allerdings greift die katholische Lehre so sehr ins private Lebensglück ein, dass der Wille, dieses Regelwerk für die Kirche zu akzeptieren, in unserer Gesellschaft immer mehr schwindet. Strittig war in den vergangenen Jahren dabei vor allem, wie weit diese Sonderregelung reicht. Schließlich betreiben Kirchen nicht nur Kirchengemeinden, sondern auch Kindergärten, Krankenhäuser und Altenheime. Muss da wirklich jeder, der nachts die Gänge reinigt, und jede Pflegekraft im Einklang mit der katholischen Lehre leben? – Vor allem dann, wenn der allergrößte Anteil der Kosten von Krankenhäusern, Kindergärten und Altenheimen durch den Staat getragen wird und unsere Gesellschaft den individuellen Anspruch, das eigene Leben selbst frei zu bestimmen, unterstützt. – Die Antwort war oft genug: Nein. Aber darf man nicht erwarten, dass sie zumindest für den Chefarzt eines ganzen katholischen Krankenhauses zu gelten hat? Schließlich steht diese Person einer ganzen katholischen Organisationseinheit vor. Das Bundesarbeitsgericht hat nun anders entschieden.

Bei Gerichtsurteilen unterstellt man schnell, sie wären objektiv. Dem ist mitnichten so. Jedes Gerichtsurteil spiegelt auch immer den Diskurs in einer Gesellschaft wider. Was empfindet eine Gesellschaft als gerechtfertigt und was nicht? Offenbar obsiegt heute das Recht des Einzelnen über die Norm. Dabei hätte das Urteil auch andersherum ausgehen können. Zumindest wäre es das vor wenigen Jahrzehnten ganz sicherlich. Denn auch wenn die Rechtslage gleich bleibt, ändern sich Urteile mit der Zeit.

Erik Flügge, 32, ist Politikberater und Autor. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch "Eine Kirche für viele statt heiligem Rest", das er gemeinsam mit David Holte geschrieben hat, im Herder Verlag. © Ruprecht Stempell

Ein solcher Wandel der Urteilsfindung ist historisch leicht zu belegen. Noch 1957 urteilte das Bundesverfassungsgericht ganz selbstverständlich, dass Homosexualität in Deutschland verboten sein müsste, weil das gesellschaftliche Kollektiv mehr zählte als das individuelle Glück. Wohlgemerkt stand auch damals schon im ersten Satz der Verfassung, dass die Würde des einzelnen Menschen unantastbar ist. Erst mit der sexuellen Revolution, mit Aufklärungsarbeit und einer gesellschaftlichen Neupositionierung zur Frage der Homosexualität änderte auch das Bundesverfassungsgericht seine Einstellung und wurde zu einer treibenden Kraft bei der Öffnung der Ehe für alle. Die gesellschaftliche Moralvorstellung hatte sich geändert, und damit änderten sich auch die Urteile der Gerichte.

Wenn heute also die katholische Kirche immer mehr Arbeitsrechtsprozesse verliert und darunter sogar solche sind, bei denen es um Führungspositionen geht, dann ist das mitnichten Ausdruck einer geänderten Gesetzeslage, sondern vor allem Ausdruck einer geänderten Gesellschaftslage. In Deutschland hat sich das Individuum über das Kollektiv erhoben und damit die katholische Lehre an den Rand gedrängt. In der öffentlichen Wahrnehmung wurden aus Menschen, die sich nicht an Regeln halten, Regeln, die sich nicht an Menschen halten. Deshalb freuen wir uns alle mit dem Chefarzt. Weil er recht bekommen hat, sein Leben zu leben. Für den Katholizismus rüttelt das Urteil allerdings an seinem Fundament, und deshalb kämpft er scheinbar herzlos dagegen an.