Mit einem gewaltigen Versprechen wurde Moia 2016 in London ins Leben gerufen. Das Unternehmen sollte nicht weniger leisten, als seiner Mutter Volkswagen dabei zu helfen, vom Autobauer zum Mobilitätsdienstleister zu werden. Der damalige Konzernchef Matthias Müller erwog sogar, Moia zur 13. Marke des Konzerns zu machen. Auf einer Stufe mit VW, Audi und Porsche.

Davon ist inzwischen keine Rede mehr – und doch soll Moia eine Antwort geben auf die große Frage, die die Branche gerade radikal verändert: Wie kommen wir künftig von A nach B, wenn nicht im eigenen Auto? Daran hat sich in den vergangenen Tagen eine Debatte entzündet, die Taxifahrer zur Demo auf die Straße treibt und das Verkehrsministerium womöglich zu einer Gesetzesnovelle zwingt.

Moias Antwort auf die Stadtmobilität von morgen sind Sammeltaxis mit Elektroantrieb. Bestellt wird per App, ein Algorithmus sucht den nächstgelegenen Fahrer, der bestenfalls Kunden mit derselben Fahrtrichtung findet. Ridesharing nennt sich das. "Wir wollen für eingefleischte Autofahrer attraktiv sein, den Verkehr entlasten und emissionsfrei fahren", verkündet Moia-Manager Robert Henrich seine frohe Botschaft. Doch der Weg bis dahin ist steinig – und ob der Verkehr durch derartige Dienste tatsächlich entlastet wird, ist noch nicht ausgemacht.

Der Name Moia stammt, leicht abgewandelt, aus dem indischen Sanskrit und bedeutet "Magie". Und tatsächlich fühlt man sich in einem E-Moia wie ein besonders wichtiger Fahrgast. Die Scheiben des Siebensitzers sind abgedunkelt, es gibt einen Holzboden und viel Beinfreiheit. Passanten schauen dem goldgelb lackierten Bus hinterher. Nur zehn dieser futuristischen Vans fahren aktuell im Testbetrieb durch Hamburg, ab April gehen in der Hansestadt dann schrittweise 500 Fahrzeuge in Betrieb.

In Hannover können Fahrgäste den Service seit vergangenem Sommer nutzen. Die derzeit etwa 70 VW-Busse sind noch allesamt Benziner. Bis 2020 soll die Flotte auf 150 anwachsen, in vier Jahren dann vollständig elektrifiziert sein. "Mehrere Tausend wöchentliche Nutzer" hat Moia in Hannover, sagt Henrich. Genauer will er nicht werden. Zwei örtliche Taxifahrer haben bereits gegen die Genehmigung des neuen Rivalen geklagt. Ihre Angst vor der Konkurrenz hat gute Gründe.

Noch schützen deutsche Gesetze das Taxigewerbe vor Konkurrenz

Weltweit sind Unternehmen mit taxiähnlichen Diensten wie Uber, Lyft oder der chinesische Anbieter DiDi angetreten, um den althergebrachten Fahrdiensten das Leben schwer zu machen. In Deutschland prallten bislang so gut wie alle Versuche dieser Art auf ein Paragrafenwerk mit einem monströsen Namen: Personenbeförderungsgesetz. In Kraft ist es seit 1964, seither wurde es immer wieder angepasst, aber seine Grundzüge sind älter als der VW Golf. Darin ist unter anderem festgelegt, dass Sharing-Dienste wie Moia zunächst nur probeweise fahren dürfen. Diese Testphase von maximal vier Jahren wird von den Kommunen genehmigt und kann – nach heutiger Gesetzeslage – nicht verlängert werden. Die Paragrafen, die Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) jetzt zum Teil liberalisieren will, schützen derzeit noch das Taxigewerbe und den öffentlichen Nahverkehr.

Aktuell beschränkt sich Ridesharing in Deutschland deshalb auf einige Hundert Fahrzeuge, die meist von Großunternehmen quersubventioniert werden. Die Berliner Verkehrsbetriebe kooperieren mit Daimler und bieten im Osten der Hauptstadt den Dienst Berlkönig an, für den 120 Fahrzeuge unterwegs sind. In den Hamburger Stadtteilen Lurup und Osdorf kann man sich mit dem VHH-Angebot ioki und einem ÖPNV-Ticket kostenlos von Kleinbussen zur nächsten Haltestelle bringen lassen. Clevershuttle, das mehrheitlich der Deutschen Bahn gehört, operiert mit insgesamt 220 Wagen in sieben deutschen Großstädten. Die Taxiunternehmen Hansa-Taxi (Hamburg) und mytaxi (Hamburg, Berlin) teilen Fahrten auf Wunsch über eine Match-Funktion. Und jetzt also Moia.

Ein Dienstagmittag am Hauptbahnhof Hannover. Auf dem Vorplatz warten mehr als ein Dutzend Taxifahrer auf Kundschaft. Moia ist hier nur ein paar Klicks auf dem Smartphone entfernt. Nach fünf Minuten rollt ein dunkelblauer VW T6 mit "MOIA"-Schriftzug an. Der Fahrer grüßt mit Vornamen. 3,80 Euro sollen die gut anderthalb Kilometer in den Osten der Stadt kosten. Die Fahrt im Taxi wäre fast doppelt so teuer. Ein weiterer Gast sitzt bereits im Innenraum und wird auf halber Strecke abgesetzt. Nach sechs Minuten hält der Kleinbus rund 200 Meter vom eigentlichen Ziel entfernt. Über die Stadt verteilt hat Moia Tausende virtuelle Haltestellen in Hannover. Damit soll das Konzept reibungsloser funktionieren.

Die ZEIT hat insgesamt sechs Testfahrten mit Moia-Mobilen gemacht. Tatsächlich geteilt wurde die Fahrt nur ein einziges Mal. Unter der Woche sei man oft allein, sagt ein Fahrer. "Ab Donnerstag und am Wochenende ist dann aber Halligalli", erzählt ein anderer. Zu Spitzenzeiten liege die Sharing-Quote bei etwa 60 Prozent, so Henrich. "Aber es gibt auch Randzeiten, in denen die Pooling-Quote noch deutlich erhöht werden muss, da sie aktuell im einstelligen Prozentbereich liegt."