Zur körperlichen Beziehung von Mensch und Maschine ist viel gedacht, geschrieben und geträumt worden. Da ist zum Beispiel der blutleere "Ach – Ach!"-Automat Olimpia, der Nathanael in E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann den Kopf verdreht. Da ist die hypererotische Computerstimme von Scarlett Johansson, die in Spike Jonzes Film Her (2013) posthumanes Begehren auslöst. Oder der hypererotische Körper von, nun ja, Scarlett Johansson, der im britischen Sci-Fi-Thriller Under the Skin (2014) Männer verschlingt. Explizit sexuell wird es dabei jedoch selten. Das holt jetzt die Kulturwissenschaftlerin Sophie Wennerscheid in ihrem Buch Sex machina. Zur Zukunft des Begehrens nach, wenn sie über "Onanierlöcher" in Sexrobotern aufklärt, die Kunden in den Ausführungen "Octopus Grip" und "Whirlpool" bestellen können, und über Vibratoren, die unsere Orgasmen mit Lieblingsmusik untermalen.

In Sex machina geht es zunächst einmal grundsätzlich um begehrliche Andockstellen zwischen Sex und Technik, zwischen Mensch und Nichtmensch. Über zahlreiche Beispiele aus Film, Literatur, Kunst und Wissenschaft mäandert die Autorin zur Kernfrage: Könnte unser Sexleben schon bald stärker von Technik geprägt sein, als wir uns das vorstellen wollen?

Manches spricht dafür, dass eine "sexuelle Revolution 2.0" kurz bevorsteht. Tatsächlich ist Techno-Sex (Sex per digital steuerbare Toys, virtuell über Telepräsenz oder, und da wird es heikel, mit Sexrobotern) auf dem besten Weg, alltagstauglich zu werden. Reizvoll ist das vor allem für Menschen, die komplizierte menschliche Begegnungen vermeiden wollen – und das wollen immer mehr. Ist das ein Grund zur Sorge?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutieren das Thema kontrovers: Manche erhoffen sich durch Roxxxy (erhältlich in den Charaktereigenschaften schüchtern, wild oder mütterlich) und Silicon Samantha (verfügt über künstliche Intelligenz und Sensoren in ihrer Vagina) einen Rückgang von Prostitution und Kinderpornografie, andere sehen tiefeinsame, asoziale Beziehungsgefüge und die Gefahr einer Objektifizierung der Frau voraus. Ach – Ach!

Die Autorin jedenfalls nähert sich dem weiten Feld Mensch/Maschine kulturoptimistisch. Ihr Plädoyer: Maschinensex hilft uns, aus starren Sexualitäts- und Geschlechtermodellen auszubrechen. Problematisiert und richtungsweisend ergänzt werden ihre Beobachtungen mitunter um queerfeministische Theorien wie die von Donna Haraway, die seit den Achtzigern dafür plädiert, die Grenzen zwischen Mensch, Maschine und Tier radikal aufzulösen.

Interessanterweise gibt es auch in Kunst, Literatur und im Science-Fiction-Film Versuche, Roboter der Zukunft postgeschlechtlich, also losgelöst von gängigen Geschlechterstereotypen zu verorten. Die Realität sieht anders aus: Die meisten Sexroboter sind eingepflanzt in eine triefend heterosexuelle Matrix. Sowohl real erlebbar als auch im Virtual-Reality-Porno haben sie superfrauliche Attribute (pralle Brüste, volle Lippen, große Hintern), sind aber nicht fraulich genug, um real zu sein, denn aus ihnen tritt nie etwas aus – "kein Blut, kein Schleim, kein Schweiß". Und natürlich befriedigen sie willenlos die Lustfantasien derer, an die sie sich richten: Männer. Solche Erkenntnisse gewinnt Wennerscheid auch aus Recherchen an der Quelle – etwa während sie, dank einer Virtual-Reality-Brille im Körper eines Mannes, virtuellen Sex mit einer nicht gerade fotorealistischen Pornodarstellerin testet. Man ahnt bei der Lektüre: Zur erotischen Grenzerfahrung hat es nicht gereicht.

Damit sind wir auch schon bei dem Problem von Sex machina, das die Autorin auf den ersten Seiten sogar selbst vorwegnimmt: "Zwischen faktischen und fiktionalen Beiträgen wird [...] nicht streng unterschieden." Das Buch gleicht deshalb einem verhedderten "Gewebe aus eigenen Beobachtungen, Beobachtungen an künstlerischen Werken und feministisch inspirierter Theorie". Unterhaltsam und erfrischend ist es insofern, als dass es die Skepsis nimmt vor Praktiken, die einem "eigenartig, vielleicht sogar pervers" vorkommen – und vor dem Monster Technik, das wir selbst erschaffen haben. Ein bisschen mehr science und ein bisschen weniger fiction hätte dem Buch aber gutgetan.

Sophie Wennerscheid: Sex machina. Zur Zukunft des Begehrens
Matthes & Seitz, Berlin 2019; 240 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €