Liebe Ella,

momentan lebe ich als Austauschschüler in den USA. Ich wohne in einer kleinen Suburb in der Nähe von Philadelphia – absolut anders als Berlin, wo ich herkomme. Vieles hier kommt mir düster und kalt vor. Wenn ich zum Beispiel nach Philadelphia fahre, muss ich vorher in einem Stadtteil umsteigen, wo ich Leute mit Nadeln in den Armen sehe, Leute, bei denen man nicht auf Anhieb erkennt, ob sie tot oder noch am Leben sind.

Wenn ich dann Mitschüler frage, wie sie das empfinden, kommt meist die Antwort "I don’t care" oder "I don’t know". Ich will nicht sagen, dass sie dumm sind. Aber für sie besteht die Welt nur aus ihrem Haus, ihrem kleinen Umfeld. Sie sehen nicht, was ein Haus weiter passiert, geschweige denn die "großen Weltprobleme", mit denen sich doch alle beschäftigen sollten. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb zufrieden?

Ich frage mich manchmal, ob ich nur dann glücklich sein kann, wenn ich dumm bin und nicht so viel nachdenke. Ich will aber nicht dumm sein. Ich will Kraft investieren, Leuten helfen, andere Menschen glücklich machen. Ich weiß nur gerade nicht, wo ich anfangen soll, weil es so viele Probleme gibt. Werde ich Arzt und arbeite bei Ärzte ohne Grenzen, oder gehe ich in die Politik? Mein Drang, etwas zu verändern, ist stark, doch der Weg zur Veränderung kommt mir so lang, kraftraubend und schwer vor. Deswegen frage ich mich oder dich oder die ganze Welt: Ist dieser Weg all das wert?

Ein 16-Jähriger, der zu viele Gedanken im Kopf hat

Lieber 16-Jähriger, der zu viele Gedanken im Kopf hat,

I hear you, brother ... ich war vor langer Zeit selbst Austauschschülerin in den USA, verbannt in ein furchtbares Kaff ohne Bürgersteige, und es war das längste Jahr meines Lebens. Ich habe auf drei Kalendern jeden Tag meines Aufenthalts durchgekreuzt wie eine Gefangene. Danach bin ich nur ein einziges Mal in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, weil ich wissen wollte, ob es in New York besser ist (ist es). Diese Erfahrung hat in mir die Überzeugung reifen lassen, dass sich niemand alleine in den USA aufhalten sollte, der nicht wenigstens alt genug ist, sich ab und zu legal zu betrinken. Aber hey, immerhin können wir beide jetzt ganz schön fluently Englisch, right?

Tatsächlich war auch mein Eindruck, dass sich das Interesse vieler meiner Mitschüler am Weltgeschehen gelinde gesagt in Grenzen hielt. Ich habe mir das irgendwann so erklärt, dass die meisten von ihnen selten mit der Welt in Kontakt kamen. Wenn du in Deutschland länger als sechs Stunden Auto fährst, sprechen die Menschen um dich herum eine andere Sprache. Amerikaner dagegen können tagelang unter derselben Flagge reisen, und viele tun das auch, ihr ganzes Leben.

Ich hätte damals sehr wohl sagen wollen, dass die meisten meiner Mitschüler strunzdumm waren. Und aufrechterhalten wollen würde ich das bis heute, was diejenigen betrifft, die in Erdkunde nicht in der Lage waren, ihren eigenen Bundesstaat auf einer Landkarte zu verorten.

Allerdings hatte ich auch mit nichts anderem gerechnet. Die Geschichten über dumme Amerikaner waren damals unter Austauschschülern Legende. Heute frage ich mich, ob ich mit dieser Erwartungshaltung nicht ziemlich arrogant gewirkt haben muss.

Bestimmt watest du an deiner Schule Tag für Tag durch ein Meer der Ignoranz. Dumm zu sein ist aber nichts, wofür man sich entscheidet, genauso wenig wie für Akne oder Kurzsichtigkeit. Du wirst nach einer anderen Exit-Strategie suchen müssen. An Ansätzen fehlt es dir nicht, eher im Gegenteil. Aber du musst dich einlassen.

Es gibt eigentlich kaum einen Ort auf der Welt, an dem sich ausschließlich Idioten befinden. Die Nicht-Idioten an deiner Schule können vielleicht sogar mit dem Namen "Berlin" etwas anfangen. Und vielleicht schämen sie sich ein bisschen dafür, wenn der Austauschschüler aus der capital of cool sie mit etwas konfrontiert, das ihnen selbst unangenehm ist.

Du sagst, dass du dich nicht entscheiden kannst, auf welchem Feld du die Menschheit retten willst. Ich glaube ehrlich gesagt, das ist am Ende egal. Du musst es nicht im Alleingang tun, mehr noch: Das kannst du auch gar nicht.

Fang doch einfach irgendwo an. Vielleicht sogar an dieser Station in Philadelphia, an der die Drogenabhängigen sind, die dich so fertigmachen. Erkundige dich, ob es eine Initiative gibt, die sich für sie einsetzt, und wie du deren Arbeit unterstützen kannst.

Ja, der Weg ist lang und kraftraubend und schwer. Aber wenn es dir gelingt, durch deinen Beitrag das Leben eines einzigen Menschen besser zu machen, bin ich sicher, dass die Frage, ob sich der ganze Scheiß lohnt, aufhören wird, dich zu quälen. Ich habe die ganze Welt gefragt. Sie sieht das auch so.

Hang on in there,

Deine Ella