Wie kann ein Mensch angemessen reagieren, wenn er erfährt, dass er eine völlig andere Familiengeschichte hat als bisher gedacht? Wenn er plötzlich einsehen muss, dass seine Identität auf falschen oder nur teilweise richtigen Annahmen beruht, weil die längst gestorbenen Eltern einen Mantel des Schweigens über die Wahrheit legten?

Sie tat, was in so einer Situation zu tun bleibt – sie begann, ihre Wurzeln zu erforschen, auch ihren drei Töchtern und den Enkeln zuliebe. Stöberte in Archiven und Nachlässen, befragte Zeitzeugen. Dabei kam ihr zugute, dass sie immerhin fünf Sprachen spricht, neben Englisch, Französisch und Russisch auch Tschechisch und Polnisch. Und sie verfasste schließlich eine Autobiografie, in der sie ihre Erinnerungen und die erschütternden Erkenntnisse, auf die sie gestoßen war, in den geschichtlichen Kontext stellte und so wohl auch für sich verarbeiten konnte.

Ohnehin ist sie eine Frau, die seit je auch zu heiklen Themen öffentlich ihre Meinung vertritt und dabei Kritik und Konfrontationen in Kauf nimmt. Nun aber zeigte sie unverhofft diese persönliche, auch verletzliche Seite – und fand sich zugleich in ihren Ansichten bestätigt. Obwohl sie inzwischen die 80 überschritten hat, wird sie nicht müde, vor einer drohenden Abwertung und Aushöhlung von demokratischen Traditionen und Rechten in Europa und anderswo zu warnen. Und sie beklagt, dass Politiker den Menschen auf deren Fragen im 21. Jahrhundert leider meist "Antworten aus dem 19. Jahrhundert geben". Wer ist’s?

Lösung aus Nr. 9:

Charlotte Buff (1753 bis 1828), das Urbild der Lotte in Goethes "Werther", lernte den Dichter im Sommer 1772 kennen. 1773 heiratete sie Johann Christian Kestner. Im September 1816 reiste sie zu ihrer Schwester nach Weimar, in der Absicht, Goethe zu treffen. Thomas Mann gestaltete in "Lotte in Weimar" sehr frei das kühle Wiedersehen