Bis heute streiten Geologen, Hydrologen und Chemiker darüber, was die Ursache der Katastrophe war, die am 21. August 1986 am Nyos-See in Kamerun aus heiterem Himmel 1.746 Bauern und Hirten samt ihren Herden ersticken und Vögel tot vom Himmel fallen ließ. War es der Ausbruch einer Magmakammer, wie der französische Vulkanologe Haroun Tazieff voreilig meldete, oder aus dem Seegrund quellendes Gas, das explosionsartig nach oben schoss? Darüber wurde auf internationalen Kongressen debattiert, und während Tazieff sich ins Abseits manövrierte, schloss die Mehrheit seiner Kollegen sich der Gas-These an, deren Siegeszug nicht mehr aufzuhalten war, als die Fachzeitschrift Science sie übernahm. Oder haben abergläubische Anwohner recht, die – Christen wie Muslime – die Katastrophe zum Gottesgericht erklärten oder zu einem Geheimdienstkomplott?

Der Niederländer Frank Westerman hat mit Tal des Todes jetzt ein Buch über diese singuläre Naturkatastrophe geschrieben. Dessen Stärke liegt darin, dass Westerman Ursachen und Folgen der Katastrophe nicht etwa erklärt, sondern stattdessen von den Rivalitäten der Naturforscher ebenso erzählt wie von den absurden Verästelungen afrikanischer Geschichte und Politik. Der Pariser Tazieff zum Beispiel galt unabhängig von der Schlüssigkeit seiner Thesen als Volksheld, weil Kamerun eine Diktatur ist und er der herrschenden Meinung widersprach. Verschwörungstheorien wiederum zufolge hat Kameruns Staatschef Militärs aus Israel und den USA erlaubt, am Nyos-See Massenvernichtungswaffen zu testen, um die rebellische anglophone Minderheit im Grenzgebiet zu Nigeria auszurotten. "Ich sagte, das sei keine typisch afrikanische Denkweise", merkt Westerman dazu an. Entstamme der Drang, eine Absicht hinter allem zu suchen, nicht einfach dem Widerstand gegen die Sinnlosigkeit des Seins? Schon hier zeigt sich das Talent des Autors, dumme, sprich: kluge Fragen zu stellen, wie etwa die Frage nach Parallelen magischen Denkens zu westlicher Wissenschaft, deren Koryphäen einander wie Fetischpriester austricksen.

Frank Westerman ist ein Meistererzähler, der mit Thriller-Effekten die Leser in seinen Bann schlägt. Doch was ihn primär interessiert, ist die Wechselwirkung von Mythos und Logos, ohne deshalb Voodoo und Wissenschaft in einen Topf zu werfen. Es ist nicht allein die bis zur letzten Seite durchgehaltene Spannung, die das Buch so lesenswert macht, sondern die Empathie, mit der Westerman seinen Informanten gegenübertritt, stets bereit, seine vorgefasste Meinung infrage zu stellen. Die Naturkatastrophe, gekoppelt mit menschlichem Versagen, das er mit einem lachenden und einem weinenden Auge schildert, wird zum Menetekel für die Tragödie Afrikas, wo ein Gewehr heute dasselbe bedeutet wie eine Sammelbüchse in Europa: "Wenn jemand es dir entgegenstreckt, wird erwartet, dass du was gibst."

Frank Westerman: Das Tal des Todes. Eine Katastrophe und ihre Erfindung
Aus dem Niederländischen von Thomas Hauth und Verena Kiefer; Ch. Links Verlag, Berlin 2018; 328 S., 22,– €, als E-Book 14,99 €