Werner Schneyder war Kabarettist, Moderator und Autor. Für die Österreich-Ausgabe der ZEIT schrieb er die Kolumne "Der Theaterbesucher". Am 3. März wurde bekannt, dass Schneyder im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Lesen Sie hier seine letzte Analyse der Theaterstücke "Medea" im Burgtheater sowie "Glaube und Heimat" und "Ladykillers" in der Josefstadt in Wien.

Was tun, wenn eine kompetente Person nach der anderen sagt: "Hast du ... schon gesehen? Das ist großartig. Das musst du dir anschauen." Der Theaterbesucher gibt dem Druck nach. In der ewigen Sorge, es könnte ihn nicht so begeistern, er würde nicht lügen und so – einmal mehr – als Besserwisser dastehen. Er geht in das Burgtheater, in Medea, ein Frauenname, seit den alten Griechen mit dem Horror blutiger Kindermorde belastet. Er sieht ein Stück von Simon Stone in dessen eigener Inszenierung. Und bedankt sich hiermit bei allen, die ihn hineingeschickt haben.

Eine Tragödie. Im Heute. In Amerika. Und doch klassisch. Klassisch in dem Sinne, dass die Weichen vor Entscheidungen falsch gestellt werden und – befördert von genetischer Disposition – in die totale Katastrophe führen. Diese Menschen brauchen keine Götter, weder griechische noch andere, um sich zu zerstören. Sie genügen. Ihre Trivialität gebiert Tod. Und sie erinnern den Theaterbesucher ununterbrochen an Menschen, die er kennt, in Momenten auch an sich. Die Träume der Nachfolgenacht sind – ohne Worte. Das leistet eine Regie, die im leeren Bühnenraum die Situationen wie Blenden ineinander übergehen lässt, Szenen, die mit Argumenten den Partner misshandeln, sich also jedem Interpretationsgehabe verweigern, nicht aber effektvollen Arrangements, also Bildern. Das leistet in der Titelrolle eine Frau, eine Schauspielerin von besonderer Ausstrahlung, schlicht im normalen und doch existenziellen Gespräch, glaubhaft in der extremsten Raserei und Verirrung. Lange wird man nicht daran denken, dass sie Bühnen- und TV-Star ist. Man hat sie als Medea gespeichert. Sie heißt Caroline Peters.

In der Josefstadt spielen sie Glaube und Heimat von Karl Schönherr. Wer sich die beiden missbrauchten und missdeuteten Hauptwörter dieses Titels bewusst macht, weiß um die Herausforderung. Glaube führt zu Religion. Und wir erleben in der täglichen Weltgeschichte, was deren Vielfalt anrichtet. Heimat wird vom Glauben annektiert. Man will Heimat zwingen, die eines Glaubens, also einer Ideologie, oder gar eines Wahnsinns zu sein. Wir fragen uns, warum Menschen, die alle gemeinsam an Allah glauben, einander metzeln. Nun werden wir daran erinnert, dass der gemeinsame Glaube an den "lieben Gott", noch vor gar nicht so antiker Zeit, in unserer unmittelbaren Nähe zu – im Prinzip – ähnlichen Katastrophen geführt hat. Christen vertrieben einander. Und töteten. Kann ein Theaterstück da etwas erklären, erhellen? Nein. Aber darstellen, vorführen. Das kann das literarische Volkstheater, das kann Karl Schönherr. Wenn man ihn so realisiert wie Stephanie Mohr. Gnadenlos genau im Milieu, in der Beharrung auf der notierten Sprache, die kein Dialekt ist, sondern die diesen Menschen mögliche Artikulation, in einer Expression, die ein, zwei Minuten lang befremdet, dann aber als durchgängiger Stil erfasst wird und fesselt. Dank hervorragender Darstellerleistungen kann sich der Sensible dem "Mitleid" (siehe: G. E. Lessing) nicht mehr entziehen. Ein trommelnder Musiker, in ärgerlicher Maske zwischen Clown und Tod, stört. Denn von den von ihm gesungenen Texten (Gryphius und Rilke) verstand der (sehr gut hörende) Theaterbesucher kein Wort. Unfreundliche Kritiker nannten Namen von Anzengruber bis Schnitzler. Man hätte an den Iren Sean O’Casey denken können. Aber den kennt die feuilletonistische Generation Bernhard wohl nicht mehr.

Wieder einmal Kammerspiele. Das kleine Haus der Josefstadt, das der Theaterbesucher noch zu Zeiten kannte, als hier die genialen Schmieristen den Stil prägten. (Mit dem Wort "genial" verliert das Wort Schmierist seinen Vorwurf.) Da gab es Leute wie Maxi (später Max) Böhm und Ernst Waldbrunn, die mit einem echten Hänger das Publikum so zum Lachen brachten, dass sie ihn von diesem Abend an in jeder Vorstellung, exakt an derselben Stelle, wieder hatten. Diesen Schauspielertypus gibt es nicht mehr. Den ihnen gemäßen Stücktypus würde man auch nicht mehr stürmen. Das Haus hat sich verändert. Nicht nur architektonisch. Vor allem im Spielplan. Man spielt vielerlei. Auch Klassiker des Lachtheaters, so die Ladykillers, wo sich schwarzer und englischer Humor paaren. Arthur Kahane, der Dramaturg Max Reinhardts, hat die wesentlichen Unterschiede der nationentypischen Lustspiele beschrieben. "Das Beste am englischen Lustspiel ist der Ton", stellte er fest. Das stimmt. Und den muss man treffen. In den Kammerspielen verfehlen sie ihn vom ersten Auftritt an. Sie spielen so falsch, wie es die als Musiker getarnten fünf Gangster täten, müssten sie das Streichquartett von Boccherini selbst intonieren. Was sie so in den Sand setzen, geht aus dem Programmheft nicht klar hervor. Da heißt es "... nach William Rose". Die Suche nach einer Kurzvita dieses Mannes bleibt ergebnislos. Und auch die Damen, die als Autorinnen "nach …" zeichnen, bleiben unerklärt. Sie heißen Elke Körver und Maria Caleita und sollen hier erwähnt werden, weil so viel Ungeschick und Ahnungslosigkeit ihresgleichen suchen.

Sie haben aber möglicherweise ein Alibi, da es sich um eine "freie Bearbeitung des Theaters in der Josefstadt" handelt, deren Verfasser und Verfasserinnen ungenannt bleiben, wohl um das berufliche Fortkommen nicht zu gefährden.

Bis demnächst in diesem Theater.