Der Mann, der gleich Geschichte schreiben soll, sitzt an diesem Samstagmorgen im Führerhäuschen eines Kleinlasters der Marke Ford. Yuris Cabrera sieht vor sich ein Stück Asphalt, wenige Hundert Meter lang, dahinter seine Heimat Venezuela. Der Trucker ist Teil eines großen Plans. Gleich soll der 57-jährige Venezolaner von Brasilien aus über die Grenze fahren. Auf der Ladefläche seines Ford stapeln sich Paletten mit Hilfsgütern: Reispackungen aus den USA, Trockenmilch aus Brasilien. Ein paar junge Indigene turnen auf dem Laster herum, schwingen Pfeile und Bögen. Ein Gitarrist stimmt Revolutionslieder an.

Am Grenzübergang im äußersten Norden Brasiliens herrscht Volksfeststimmung, ein paar Tausend Menschen schwenken Fähnchen, Eis wird verkauft. Der Fahrer fixiert angespannt die venezolanischen Nationalgarden an der Grenze, junge Männer in schusssicheren Westen und Helmen hinter Plastikschilden. Cabrera sagt, er habe keine Angst. Er werde den Laster ganz ruhig hinüberfahren. Er tue es für seinen kleinen Sohn, der drüben auf der venezolanischen Seite blieb, als der Vater für den großen Tag nach Brasilien reiste: "Ich will, dass er einmal stolz auf seinen Vater ist, der den ersten Hilfslaster in seine Heimat gefahren hat."

Am vergangenen Samstag spielen sich solche Szenen gleich an mehreren Grenzübergängen nach Venezuela ab: Hunderte Tonnen Hilfsgüter, hauptsächlich aus den USA, sollen gleichzeitig über Kolumbien, Brasilien und die Karibik nach Venezuela gelangen – obwohl der dort amtierende Präsident Nicolás Maduro das nicht will. Ziel ist, mit den Hilfslieferungen die Grenztruppen und schließlich das ganze Militär zur Befehlsverweigerung zu bringen. Maduro soll gedemütigt werden und darüber stürzen.

Das ist der Hintersinn der humanitären Gesten an diesem Wochenende: Eine friedliche Aktion soll zum Auslöser eines Umsturzes werden, vor den Fernsehkameras der Welt. Ein professioneller Bilderkrieg mit Liveblogging und vorbereiteten PR-Statements. In der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta steigt begleitend zum geplanten Regimewechsel ein Großkonzert mit vielen Stars.

Es kommt anders. Warum geht die Aktion so gründlich schief? Als Yuris Cabrera den Motor anlaufen lässt, weiß er noch nicht, dass jenseits der Grenze bereits ein Blutbad begonnen hat. Dort führt die Straße durch das Gebiet der Volksgruppe Pemón. Die 30.000 Indigenen leben in Dörfern und Kleinstädten in der Savanne. Vor drei Jahren haben die Pemón eine eigene Sicherheitstruppe aus jungen Männern gebildet, weil die Gewalt stetig zugenommen hat: Schmuggler, Drogenkuriere und illegale Goldsucher dringen ins Pemón-Land, und mehrere Quellen behaupten, dass Leute mit Verbindungen zur Maduro-Regierung und venezolanische Soldaten dabei mitverdienen.

Die Pemón sind über die Frage zerstritten, was von Maduro zu halten sei. Ihr ranghöchster Vertreter sitzt als Maduro-treuer Abgeordneter im Parlament, während der indigene Bürgermeister der Grenzstadt Santa Elena aufseiten der Opposition kämpft. Zwischen beiden Lagern sind schon öfter Scharmützel ausgebrochen. Wie alle Venezolaner leiden auch die Pemón unter der kollabierten Wirtschaft. Maduro-treue Anführer kommen aber privilegiert an Nahrungsmittel, Medizin und andere begehrte Güter, die sie an die Bevölkerung ihrer Dörfer weitergeben. So funktioniert der Chavismus im ganzen Land und sorgt überall für Konflikte.

Oppositionsführer Juan Guaidó, der von den USA und inzwischen fast 50 weiteren Staaten, darunter Deutschland, als legitimer Präsident Venezuelas anerkannt wird, hat sich an die Bevölkerung gewandt. Die Menschen sollen die Armee dazu überreden, die Hilfslaster durchzulassen. Friedlich soll das vonstattengehen, aber bei den Pemón brechen Straßenschlachten aus: erst zwischen den beiden verfeindeten Lagern, dann mit den anrückenden Soldaten.

Am Kampf beteiligen sich – laut mehreren Quellen vor Ort – an die 3000 Mitglieder informeller "Colectivos". So heißen die Maduro-treuen paramilitärischen Trupps, die teilweise aus entlassenen Sträflingen, kriminellen Banden und früheren Rebellen zusammengesetzt wurden. Das war eine Idee des 2013 verstorbenen Revolutionsführers Hugo Chávez. Die Colectivos haben sich der Verteidigung der Revolution verschrieben. Maduro hat solche Leute in Bussen an die Grenzen bringen lassen – vielleicht auch, weil er seinen Soldaten allein nicht mehr traut.

© ZEIT-Grafik

Schon am Freitag beginnt die Eskalation: 83 Kilometer von der Grenze entfernt wird eine Frau erschossen. 14 Verletzte kommen mit Schüssen in Bein, Arm und Bauch in die Krankenhäuser. Am Samstag wird 16 Kilometer von der Grenze entfernt gekämpft, die Stadtverwaltung spricht dort von 25 Toten und mehr als 80 Verletzten. Amnesty International bestätigt den Einsatz von Maschinengewehren gegen die Bevölkerung, was sich mit der Einschätzung von Krankenhausärzten und Ambulanzfahrern deckt. Der Sicherheitstrupp der Pemón nimmt vorübergehend 42 Mitglieder der Maduro-treuen Nationalgarde gefangen.

Das Ausmaß der Eskalation ist noch nicht bekannt, als am Samstagmorgen hohe Diplomaten mit einer Fahrzeugkolonne an die Grenze kommen. Aus einem der SUVs steigt der brasilianische Außenminister. Er spricht vom "Präsidenten Guaidó", dieser Tag werde "eine neue Realität" in Venezuela schaffen. Der US-Botschafter Bill Popp wünscht sich eine "friedliche Machtübergabe". Eine Vertreterin Guaidós erklärt: "Die Grenzen werden sich heute öffnen!"