Dann kommt der Auftritt des Lastwagenfahrers Cabrera, unter dem Jubel der Menge startet er den Motor. Er passiert einen Betonklotz mit zwei Landesflaggen, der den Grenzübergang markiert. Gut 200 Meter vor den venezolanischen Grenzsoldaten dreht Cabrera mit einem rasanten Wendemanöver um, parkt und steigt aus. "Der erste Lastwagen mit Hilfslieferungen hat erfolgreich und ohne Zwischenfälle die Grenze nach Venezuela passiert", ist Minuten später auf einem Internet-Nachrichtenkanal zu lesen, den das Team von Guaidó zur Koordinierung der Aktion betreibt. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro setzt eine Erfolgsmeldung ab, und einige internationale Medien tun es ihm nach.

Bloß dass der Laster in Wahrheit nicht bis nach Venezuela kommt. Auch die anderen Transporte schaffen es an diesem Tag nicht. Nahe der Grenzstadt Cúcuta gehen Hilfsgüter gar in Flammen auf.

Die Falschmeldung von der erfolgreichen Lastwagenfahrt soll wohl eine Kettenreaktion auslösen, Maduros Soldaten anderswo zum Aufgeben bringen. Sie wird von Bildern flankiert, auf denen Guaidó desertierte venezolanische Soldaten auf sich einschwört. Die Deserteure sind echt, doch bis Anfang der Woche sind es grade mal gut 300 Soldaten, also 0,3 Prozent der gesamten Truppenstärke. Psychologische Kriegsführung beherrschen in diesen Tagen beide Seiten. Das venezolanische Staatsfernsehen zeigt eine Liveübertragung, bei der Präsident Maduro unbekümmert Salsa tanzt.

Ein paar Stunden später dominieren andere Bilder: Steinwürfe und Molotowcocktails vonseiten der am Einreisen gehinderten Helfer, Tränengas und Gummigeschosse von Maduros Leuten, mancherorts wird scharf geschossen.

Juan Guaidó bittet kaum verhohlen um militärische Hilfe aus dem Ausland. Der US-Senator Marco Rubio, der schon Tage zuvor an die venezolanische Grenze gereist war, twittert Bilder von Muammar al-Gaddafi und anderen Diktatoren, die von den USA gestürzt worden sind. Doch als sich am Montag in Bogotá der US-Vizepräsident Mike Pence mit Staatschefs aus der Region trifft, ist plötzlich nicht mehr die Rede von einem Einmarsch.

Der erste große Versuch, eine neue US-dominierte Ordnung in Lateinamerika zu errichten, endet vorerst mit einem aufgeflogenen Bluff. Trotz des Rückhalts in der Region: In Argentinien, Kolumbien und Brasilien sind rechte Regierungen an die Macht gekommen, die Donald Trump nahestehen und seine Linie in Venezuela unterstützen. Trump hatte einen Sturz Maduros versprochen ("Es wird sehr bald passieren!") und alte Haudegen aus der Zeit des Kalten Krieges als Berater verpflichtet.

Doch Venezuelas Militärs haben die Kombination aus Hilfe, Drohungen und medialer Inszenierung antizipiert. Sie wissen, dass es um den Sturz Maduros geht, und fragen sich, welche Garantien sie denn im Fall eines Seitenwechsels hätten – zumal viele der höheren Ränge sich wegen Menschenrechtsverletzungen, Bandenkriminalität, Drogenhandel und Korruption würden verantworten müssen. Guaidó hat Deserteuren eine Amnestie versprochen, aber ob das glaubhaft genug ist?

Am Grenzübergang zwischen Brasilien und Venezuela marschieren am Sonntagabend etwa 1000 Anhänger des Regimes auf, sie sind mit Bussen hergebracht worden. Sie hängen die Nationalflagge wieder auf, die während der Demos abgerissen wurde. Sie besetzen den Grenzposten und singen die Hymne. Yuris Cabrera, der Lastwagenfahrer, steht auf der brasilianischen Seite, weit entfernt, im Schatten eines Baumes. Er ist wortkarg. Er hat die Nachrichten über die vielen Toten erhalten. Seiner Familie gehe es gut. Sie sei weit außerhalb der Stadt.

"Früher bin ich gerne durch unser schönes Land gefahren, und heute würde ich Ihnen das gerne zeigen", sagt Cabrera. "Stattdessen bekommen Sie jetzt zu sehen, wie ein Bruder seinen Nächsten umlegt."

Auf der einen Seite des Bruderkriegs stehen die Chavisten, inzwischen eine Minderheit, jedoch reduziert auf einen harten Kern. Sie wurden in über 20 Jahren durch die Partei geformt. Der Chavismus ist Teil ihrer Identität, und ihnen ist stets erzählt worden, dass er von düsteren US-Imperialisten bedroht werde. Seit dem Wochenende glauben sie das erst recht.

Auf der anderen Seite stehen Leute wie der Lasterfahrer Yuris Cabrera, für den es unter Maduro nicht besser werden kann. Er will nicht in einem reichen Ölland leben, wo Butter, Brot, Aspirin und Pflaster fehlen. Seit dem Wochenende stehen sich die beiden Seiten unversöhnlicher und gewaltbereiter denn je gegenüber. Im venezolanischen Fernsehen rufen Maduro-treue Politiker dazu auf, noch mehr Oppositionelle ins Gefängnis zu stecken. Auf Twitter ist in Venezuela dieser Tage folgender Hashtag Trend: #IntervencionMilitarYA. Grob übersetzt: Marschiert bitte schnell bei uns ein.

Mitarbeit: Marília Grande