Ein paar Freunde sitzen in Berlin beisammen, essen, trinken, reden – irgendwann auch über den Wohnungsmarkt, die explodierenden Mieten, die großen Wohnungskonzerne. "Kann man die nicht enteignen?", fragt einer der Freunde, ein Versicherungsvertreter.

So beginnt im Herbst 2017 eine Geschichte, die das Land verändern könnte. Milliardenschwere Konzerne sollen mit einem Federstrich enteignet werden. Mithilfe eines Artikels im Grundgesetz, der noch nie angewendet wurde. Eine radikale Idee. Und doch ist sie in kürzester Zeit politisch salonfähig geworden. Umfragen zufolge unterstützt eine Mehrheit der Berliner diesen Vorschlag. Auch die Wohnungskonzerne selbst müssen verblüfft feststellen, dass ihre Enteignung kein ganz unrealistisches Szenario mehr ist.

Mit am Tisch sitzt damals auch Rouzbeh Taheri. Mit 14 Jahren war er aus dem Iran nach Deutschland gekommen, studierte Volkswirtschaft, engagierte sich politisch, gründete einen kleinen Internetversandhandel. In Berlin kennt man ihn, seit er 2015 den "Mietenvolksentscheid" mitorganisiert hat. Damals wollte Taheri den Senat zwingen, mehr Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen zu schaffen. Er entfaltete derartigen Druck, dass es den Volksentscheid gar nicht mehr brauchte. Berlins Senat nahm die Forderungen vorweg.

Aber Enteignung? Die Forderung klang selbst einem linken Aktivisten wie ihm anfangs zu radikal, "zu sehr nach DDR und Sozialismus". Dann aber sei da dieser befreundete Versicherungsvertreter gewesen. "Da habe ich gedacht: Wenn selbst ein Versicherungsvertreter kein Problem mehr mit Enteignung hat, lohnt es sich vielleicht doch, sich das genauer anzuschauen."

Ein Jahr wühlten er und seine Mitstreiter, darunter zwei Juristen, sich durch Gesetzestexte. Fündig wurden sie im Grundgesetz. Als es 1949 geschrieben wurde, konnte der parlamentarische Rat sich noch nicht auf eine Wirtschaftsform einigen. Der Sozialismus war, zumindest für Teile der Wirtschaft, damals noch eine Option. Und so heißt es im Artikel 15, dass "Grund und Boden" sowie "Produktionsmittel" durchaus "zum Zwecke der Vergesellschaftung" in Gemeineigentum überführt werden können.

Dieser Artikel 15 soll nun erstmals angewendet werden. So will es die Initiative "Deutsche Wohnen enteignen", deren Sprecher Taheri ist. Mit 110.000 Wohnungen ist die Deutsche Wohnen die größte Vermieterin Berlins – und Hauptangriffsziel der Kampagne. Enteignet werden sollen aber alle Wohnungsunternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen in Berlin. So steht es im Beschlusstext für einen geplanten Volksentscheid. Neben der Deutschen Wohnen sind also auch Vonovia, Akelius, ADO Properties und Grand City Property betroffen. Die Initiative sieht in den großen Konzernen die treibende Kraft hinter den steigenden Mieten. Es geht um 200.000 Wohnungen, die den Konzernen weggenommen und in eine Anstalt öffentlichen Rechts überführt werden sollen.

Im April will Taheri mit dem Sammeln von Unterschriften beginnen. Doch schon jetzt hat er den Diskurs verändert. Enteignungen gelten nicht mehr als irre Idee einiger Linksradikaler. Sie sind, zumindest in der Hauptstadt, mehrheitsfähig. Nach einer Umfrage im Auftrag des Tagesspiegels vom Januar finden es 54,8 Prozent der Berliner richtig, "dass es Bestrebungen gibt, Großvermieter gegen Entschädigung zu enteignen". Das ist bemerkenswert. Galt der Schutz des Eigentums doch bisher als Grundpfeiler einer liberalen Gesellschaft.

Wie das so schnell gelingen kann, konnte man kürzlich auf einer Podiumsdiskussion in Hamburg erleben: Taheri sitzt dort neben Politikern von Linken und SPD sowie einem Vertreter des Mietervereins zu Hamburg auf dem Podium. Es geht darum, wie das "Miet-Monster" zu bekämpfen sei. Die Moderatoren hangeln sich von Mietpreisbremse über Wohnraumschutzgesetz und soziale Erhaltungsverordnung zur Kappungsgrenze. Es stellt sich das Gefühl ein: Die Maßnahmen sind alle sehr kompliziert und bringen am Ende nicht viel. Doch dann darf Taheri seinen Enteignungsplan vorstellen. Zum ersten Mal brandet echter Applaus auf. Taheri sagt, man müsse sich entscheiden. Wolle man Londoner Verhältnisse, wo selbst Gutverdiener sich keine Wohnung mehr leisten können? Oder Wiener Verhältnisse, wo die Mehrheit in einer geförderten oder kommunalen Wohnung lebt und die Mieten halbwegs bezahlbar geblieben seien? Taheri hat es leicht an diesem Abend. Und das liegt auch am Versagen der Politik. Seit Jahren findet sie keine Antwort auf die Wohnungsnot der Bürger. Nun treibt Taheri sie vor sich her.

Die Berliner Linke unterstützt die Initiative zur Enteignung der Wohnungskonzerne bereits. Auch die Fraktionschefin der Berliner Grünen, Antje Kapek, kann sich Enteignungen als letztes Mittel vorstellen. Die SPD wirkt hin- und hergerissen. Am 11. Januar sagte Bürgermeister Michael Müller auf einer Pressekonferenz, eine Enteignung sei "erst der dritte, vierte oder fünfte Schritt", was jedenfalls nach einer vorsichtigen Symphatiebekundung klang.