Wenn ich alle Tage arbeite, brauche ich drei Wochen, bis ich durch ganz Europa gekommen bin. Ich weiß nicht mehr, wer damit angefangen hat, aber als hätten sie eine geheime Absprache getroffen, brachten mir auf einmal alle Freunde von ihren Reisen eine Tasse mit. Der eine kehrte aus Bordeaux zurück, die andere war in London, ein Dritter in Porto, und wenn sie mich wieder zum ersten Mal besuchten, stellten sie mir eine Tasse auf den Tisch und erwarteten meinen Dank dafür. Ich hatte einfach zu oft geklagt, beim Schreiben rasch zu ermüden, wenn ich mir nicht wie ein Leistungssportler Unmengen von Flüssigkeit zuführte, am liebsten in Form von Tee. Wiewohl er keine Kalorien hat und nichts als heißes, gleichsam gewürztes Wasser ist, empfinde ich Tee als kräftigenden Nährstoff, der den Hunger stillt, die Konzentration fördert, gedankliche Knoten löst. Handelt es sich um schwarzen, leicht bitteren Tee in größeren Mengen, habe ich sogar das Gefühl, ich würde mich an ihm berauschen, aber es ist ein nüchterner, klarer Rausch, der das Denken nicht verlockt, fortwährend abzuschweifen, und keinen Kater nach sich zieht, diesen dröhnenden Nachklang auf das Glück der alkoholischen Berauschung, der in mir unweigerlich einen quälenden Selbsthass weckt.

Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich mir an den Freunden ein Beispiel nahm und in Angers eine Tasse erstand, die ich als Mitbringsel bei nächster Gelegenheit dem Ehepaar S., bei dem wir häufig zum Abendessen waren, auf den Tisch stellen wollte. Auf dem Heimweg von dieser Reise an die Loire und die Maine habe ich es mir anders überlegt und sie zu Hause dem guten Dutzend zugesellt, das ich bereits geschenkt bekommen hatte und in dem ich erst jetzt so etwas wie den Kern einer Sammlung erkannte, die wie von selbst ins Unmaß wachsen könnte. Seither sind noch einmal so viele Tassen dazugekommen, die mit Namen und Wappen einer Stadt sowie einem stilisierten bunten Bildnis derselben versehen sind. Früher hat man die Bilder im Siebdruck auf das Porzellan appliziert, jetzt wird dieses am Fließband mit einer lichtempfindlichen Schicht überzogen, die dann fotografisch belichtet wird. Ich komme mit Zahlen schwer zurecht, habe aber einen rätselhaften Hang zur Statistik: Wenn ich drei Wochen lang jeden Tag an meinem Schreibtisch sitze, trinkend schreibe und schreibend trinke und jeden Tag eine andere Tasse benutze, bin ich am Ende von Göteborg bis Napoli, von Vilnius über Wrocłav und Brno nach Bamberg, Basel, Marseille und auf einen Abstecher über die Pyrenäen nach Zaragoza und Valladolid gereist. Und von Maribor über Novi Sad nach Veliko Tarnovo und über die Donau hinüber nach Braşov und Sibiu gelangt.

Das Souvenir gehört zu den minderen Kulturgütern, und eine Vorliebe für solchen Tand wird einem nicht als Zeichen eines verfeinerten Geschmacks gutgeschrieben. Nur Leute, denen man ein schlichtes Gemüt attestiert, und Snobs, die sich aus Überheblichkeit mit Kitsch umgeben, suchen in fremden Städten nach Souvenirs, die sie im Alltag an jene Orte erinnern sollen, an denen sie eine kurze Frist ihres Lebens verbrachten. Nichts ist einfacher, als solche Erinnerungsstücke trivial oder kitschig zu finden und sie als Ramsch der Tourismusindustrie abzutun. Mich hat es aber immer abgestoßen, wenn Touristen verächtlich über Touristen herziehen, um sich mit dieser Abwertung im Status echter Kulturreisender zu bestätigen. Das Souvenir ist so alt wie das Reisen selbst, wer immer sich aufmachte in fremde Regionen, kehrte mit Erinnerungsstücken von seiner Pilger- oder Bildungsreise zurück. Erst die Industrialisierung des Fremdenverkehrs hat dem Souvenir das Ansehen geraubt. Seitdem die Fremde massenweise aufgesucht wird, ist das Souvenir zur tausendfach reproduzierten Ausschussware geworden, über welche die Nase rümpft, wer sich über die Masse Mensch, die im Urlaub von hier nach dort gewälzt wird, ohne sich in der Kunst des Reisens ausgebildet zu haben, erheben will.

In Wahrheit bin ich noch nie in drei Wochen durch Europa gereist, weil ich noch nie über drei Wochen hindurch geschrieben habe. Fünf aufeinanderfolgende Tage, zu mehr tauge ich nicht, und auch auf diese folgen meist gleich viele, die ich faul und antriebslos verbringe, sodass ich am Abend nicht weiß, womit ich die Zeit herumgebracht habe. Außerdem benutze ich die Tassen nicht immer der Reihe nach, bis ich mit allen durch bin, um dann wieder von vorne mit ihnen zu beginnen, sondern nach abergläubischen Vorlieben. Stecke ich in einem Absatz fest, wechsle ich gerne zur weißen Tasse aus Hamburg, die das Rathaus als Vedute des 19. Jahrhunderts zeigt, oder zu der bis auf den Henkel tiefblau grundierten, eine Hafenansicht zeigenden aus Kopenhagen.

Am liebsten ist mir die Tasse, die ich vor drei Jahren aus Comrat heimgebracht habe. Schon vor Jahren war ich in Büchern auf die Gagausen gestoßen, nun hatte ich mich in den Süden der Republica Moldova aufgemacht, um sie endlich dort zu besuchen, wo sie, die einen so starken Reiz auf mich ausübten, in einer Handvoll Städtchen und Dörfern lebten. Die Fahrt von Chişinău führte auf rumpliger Piste durch die anmutig ausschwingende Hügellandschaft Moldawiens, bis auf der Landstraße ein großes Schild darauf hinwies, dass ich mich in der autonomen Region Gagauzíya befand. In Comrat, ihrer Hauptstadt, fiel es mir an diesem Markttag nicht schwer, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, waren sie es doch selbst, die mich ansprachen und sich dann erstaunt und dankbar zeigten, dass sich einer auf den weiten Weg gemacht hatte, um zu erfahren, was es mit ihnen auf sich habe. Die Marktbesucher und Markthändler, der fahrige Student, der im Café als Kellner arbeitete, die unförmige Polizistin, die mir eine Zigarette anbot und wollte, dass ich mit ihr ein Selfie machte, schienen mir alle selbst nicht recht zu wissen, was es war, das ihre Nationalität, auf der sie so leidenschaftlich bestanden, bestimmte oder auszeichnete.