Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Erschütternde Neuigkeiten liegen vor: Die Bewertungen des Angebots bei dem Versandhändler Amazon sollen angeblich nichts über die Qualität des Bewertenten aussagen. Wer hätte das gedacht? War es doch bisher sonnenklar, dass unabhängige und objektive Personen bewerten. Keine computergenerierten Fakes oder gar bezahlte Meinungen waren hier im Spiel. Wie soll das enden? Ist doch das Bewerten die liebste Beschäftigung des modernen Menschen. Jeder, der Augen hat, meint, er sei Filmkritiker. Wer hören kann, sieht sich als Musikkenner, wer fähig ist, ein Smartphone zu halten, denkt, er sei ein Meister der Fotografie. Die Manie, seine unbedeutende Meinung überall zu äußern, ist die neue Volksbewegung. Besonders prickelnd ist es bekanntlich, Dinge zu bekritteln. Das scheint eine Persönlichkeit zu charakterisieren. Lob ist spießig, Kritik gilt als Äußerung von Kompetenz. Jedes Hotel, jedes Restaurant weiß von dieser Verwirrung ein Lied zu singen. Das Schöne am Bewerten ist, dass weder Talent noch Wissen dazu nötig sind. Eigentlich genügt das Bedürfnis, sich dieser verbalen Inkontinenz hinzugeben, um zum Bewerter geadelt zu werden. Interessant wäre nun eine Plattform, wo Bewerter bewertet werden. Quasi die Besuderung der Suderanten, eine Art Suderadvisor. Je oberflächlicher und substanzloser, desto besser die Bewerterbewertung. Doch wehe, wer diesen Test nicht besteht, auf den wartet die Höchststrafe. Ein Jahr Sudervebot. Keine inkompetenten Hotelbewertungen, keine dummen Kommentare in den Foren und Fotoverbot für die eigenen Nachspeisen. Äußerungsverbot quasi. Eine fantastische Stille, nur ab und zu durchdrungen von seriösen Kommentaren. Das kann Amazon zwar nicht wirklich wollen, aber nett wär's schon.